16.11.09Persönliches Glück in der Krise

In Zeiten von Hartz IV, Leiharbeit und Wirtschaftskrise kann Dirk Maurer nicht klagen. Der 33-Jährige hat in den „2000ern“ geheiratet, eine Familie gegründet und seinen Traumjob gefunden.

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Dirk Maurer kocht Shrimps-Nudeln. (Foto: Wilhelmshavener Zeitung)

Von Kristin Kleyhauer

Rosafarbene Shrimps brutzeln in der Pfanne. Dirk Maurer steht mit seinem Sohn Kian am Herd und bereitet das Abendessen vor. Der acht Monate alte Junge strampelt vergnügt mit den Beinen. Er scheint mehr Spaß am Kochen zu haben als sein Vater. Der Jeveraner bezeichnet sich selbst als „kulinarische Obernull“ und würde sich am liebsten jeden Tag bekochen lassen. Die Shrimps-Nudeln bekommt er aber trotzdem hin – für ihn ein typisches Gericht der Zeit. Einer Zeit, die von Globalisierung geprägt ist.

Bevor Dirk Maurer mit seiner Frau Frauke zusammen kam, bevorzugte er Fastfood, Fertiggerichte und Tiefkühlpizza. Daran konnte auch der Rinderwahn nichts ändern, der in Deutschland im Jahr 2000 zum ersten Mal in Schleswig-Holstein diagnostiziert wurde und später weiter um sich griff. „Ich hab’ trotzdem meinen Burger für eine Mark bei McDonald’s gegessen“, gesteht der 33-Jährige seine Vorliebe für die „amerikanische Nationalküche“ ein.

Die Burger sind jedoch nicht seine einzige Verbindung zu Amerika. Während seiner eineinhalbjährigen Bundeswehrzeit war er mit der Fregatte „Mecklenburg-Vorpommern“ in amerikanischem Übungsschießgebiet, um dort zu üben. „Mit den Kriegs- und Anti-Piraterie-Einsätzen von heute hatte das damals nichts zu tun“, sagt er. Die Besatzung war im Frieden unterwegs. „Hätte mich damals jemand nach Osama bin Laden oder Al Qaida gefragt, hätte ich nicht gewusst, was er meint“, sagt der junge Vater.

Spätestens seit dem 11. September 2001 weiß jeder, wer Osama bin Laden ist. Der Tag gehört zu jenen, an die man sich noch Jahre später genau erinnert, und weiß, was man gemacht hat oder wo man war.

Die Terroranschläge auf das World Trade Center erschütterten die Menschen weltweit und hatten weitreichende Konsequenzen. Auch für die Soldaten der Luftwaffe in Upjever, die seit Jahren in Afghanistan und anderen Kriegsgebieten im Einsatz sind. Diese Einsätze bedeuteten einen Umbruch in der Geschichte der Bundeswehr.

Einen Umbruch brachte auch der 1. Januar 2002. Die D-Mark ging, dafür kam der Euro – gerne „Teuro“ genannt. Auch Dirk Maurer erinnert sich, dass „vieles teurer geworden“, der Lohn aber gleich geblieben sei. Nicht nur die Bürger stöhnten über die große finanzielle Last, auch der Sozialstaat hatte an Sozial- und Arbeitslosenhilfe schwer zu tragen. Die Agenda 2010 sollte die Kehrtwende bringen. Kanzler Gerhard Schröder (SPD) stellte sie im März 2003 vor.

Dirk Maurer ist ein Befürworter der Reform. Nicht nur, weil er beruflich davon profitiert hat. Durch die Einführung von Jobcentern war der Bedarf an Arbeitsvermittlern plötzlich groß. Nachdem er bei der Arbeitsagentur gelernt hatte, war das für ihn die Chance, seinen Traumberuf ausüben zu können. Die Idee vom „Fördern und Fordern“ findet er richtig. Die Reform sei aber viel zu spät gekommen. „Es ist manchmal nicht leicht, die Menschen zu motivieren“, sagt er.

Das verwundert zumindest in den Fällen nicht, in denen Menschen mit einer Berufsausbildung Arbeiten erledigen sollen, für die sie überqualifiziert und die zudem schlecht bezahlt sind. Der wachsende soziale Frust ist aus dem neuen Jahrtausend nicht wegzudiskutieren. In Wilhelmshaven gingen die ersten im August 2004 auf die Straße, um gegen Hartz IV zu demonstrieren. Die Entwicklung in Richtung Leiharbeit und gedrückte Lohnabschlüsse mit den Gewerkschaften machten es Oskar Lafontaine und Gregor Gysi leicht, ein Linksbündnis in die deutsche Parteienlandschaft zu integrieren.

Die politische Landschaft war allerdings nicht die einzige, die sich veränderte. Auch der kulinarischen Bereich bewegte sich. Die Globalisierung beschränkte sich nicht allein auf den wirtschaftlichen Sektor. Plötzlich gab es überall Sushi-Bars. Afrikanische und mexikanische Restaurants eröffneten. Und wieder ein Import aus Amerika. „Jetzt weiß ich, dass ein Bagel ein Donut ist“, sagt Dirk Maurer, der zuvor noch nichts von dem Gebäck gehört hatte. Auch in Weizentortilla eingerollte Fleisch- oder Gemüsesorten – genannt Wraps – stehen heute wie selbstverständlich mit auf dem Speiseplan der Maurers. „Die können ja sogar gesund sein“, beweist der Jeveraner, dass er vielleicht doch keine so große „Obernull“ in Sachen Ernährung ist, wie er von sich behauptet.

Die Welt zu Gast in Deutschland. Nicht nur in Form von Speisen, sondern auch, wenn es um Fußball geht. Nie passte dieser Slogan besser als im Sommer 2006. Die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land versetzte die Menschen in Euphorie. „Wir sind auch geschminkt und mit Deutschlandflagge am Auto durch die Gegend gezogen“, erinnert sich Dirk Maurer. Und die Maurers haben etwas getan, was man eigentlich nicht tut: „Wir sind während der WM in den Urlaub geflogen. Da mussten die Strandzeiten natürlich mit den Spielzeiten der deutschen Mannschaft abgestimmt werden“, erzählt der 33-Jährige.

Er hatte den Ausgang des Turniers allerdings im Vorfeld falsch eingeschätzt. Am Tag, an dem Deutschland um Platz drei spielte, feierte Dirk Maurer seinen 30. Geburtstag – ohne Fernseher. „Dass die Mannschaft so weit kommt, hatte ich nicht gedacht“, gesteht er. Da musste er seinen Gästen schon einiges bieten, um sie zu besänftigen.

Das funktionierte zu Beginn des Jahrtausends noch gut mit Alcopops und Biermixgetränken. „Das ist auch ein Phänomen der Zeit“, findet Dirk Maurer. Genauso wie der Trend hin zu Bio-Produkten. Bio-Getränke, Bio-Gemüse, Bio-Obst – gibt es heute alles schon beim Discounter. „Vor zehn Jahren waren Bio-Produkte den meisten noch ziemlich egal“, meint der Arbeitsvermittler.

Die allgemeine Einstellung zur Gesundheit hat sich verändert. Viele Menschen haben aufgehört zu rauchen – auch Dirk Maurer gehört dazu. Zu diesem Trend hat auch die Entscheidung der Landesregierungen beigetragen, Rauchverbot in gastronomischen Betrieben und öffentlichen Gebäuden auszusprechen. Nach und nach setzte sich das Gesetz durch.

Auf Bundesebene hat seit 2005 eine Frau das Sagen. Angela Merkel wurde zur ersten Kanzlerin gewählt. „Naja, die Mehrheit hat halt so entschieden“, hält sich Dirk Maurer mit seinem Kommentar zu den Wahlen bedeckt.

Von den Ergebnissen der ersten Wahlperiode hat er allerdings profitiert.Vor drei Jahren haben wir unser Haus in Jever gekauft, letztes Jahr geheiratet und in diesem Jahr ist unser Sohn geboren“, berichtet er stolz. Dank Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) und ihrem Elterngeld konnte der frisch gebackene Vater die ersten zwei Monate mit Baby mit seiner Frau gemeinsam erleben. Er nahm die Elternzeit. „Von meinen Chefs habe ich sofort volle Unterstützung bekommen“, freut er sich noch heute und möchte diese Wochen nicht mehr missen.„Für uns war das eine sehr schöne Zeit“, blickt er zurück.

Für Deutschland war zu der Zeit, als Dirk und Frauke Maurer geheiratet und ihren Sohn bekommen haben, längst eine unschöne Zeit angebrochen. Aus der Hypothekenkrise in Amerika entwickelte sich eine Wirtschafts- und Finanzkrise, die auch vor Deutschland nicht Halt machte. „Ich bin eher der klassische Sparbuchbesitzer“, sagt Dirk Maurer fast ein bisschen erleichtert. Ihn habe die Finanzkrise bisher nicht so stark betroffen.

Enttäuscht ist der Familienvater bei dem Gedanken an die jetzige Regierung. „Ich finde es einfach unmöglich, wenn man Wahlversprechen macht, von denen man weiß, dass man sie nicht einhalten kann“, schimpft er und meint die angekündigten Steuergeschenke der FDP. Der 33-Jährige befürchtet im Bereich der Gesundheitsvorsorge künftig noch mehr zur Kasse gebeten zu werden als bisher.

Wenn Dirk Maurer abends von der Arbeit kommt und der kleine Kian ihn über das ganze Gesicht anstrahlt, ist dem jungen Vater die große Politik erst einmal egal. Gedanken macht er sich dann eher über die richtige Ernährung. Wenn der Kleine etwas anderes essen kann als Brei, dann ist wohl endgültig Schluss mit Fastfood.

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