Von Regine Greiner
"Mein Mauerstück Nummer 10, Lage Oberbaumbrücke. Monumental, erschreckend groß strahlt mir mein weiß grundiertes Mauerstück entgegen, sechs Meter lang und vier Meter breit. Die wollte ich erobern, wie vor 19 Jahren," sagt Siegrid Müller-Holtz. "Anfangs hatte ich nicht wirklich Lust, das Bild wieder zu malen, wie es die Organisatoren wollten. Aber als ich dann beim Vorgespräch an diesem Monument stand, kamen die vielen Emotionen und die Lust zurück, neue Erfahrungen zu sammeln."
Die ehemalige Kunsterzieherin einer Gesamtschule in Berlin-Kreuzberg und heutige Caputher Künstlerin ist vor wenigen Tagen von ihrer schweren und zugleich unvergesslichen Arbeit an ihrem großen Kunstwerk an der Berliner Mauer zurückgekehrt. Im April 1990 hatte sie ihre letzten Pinselstriche für ihr Werk "Gemischte Gefühle" an der Mauer vollendet. Die damalige Berlinerin gehörte zu den ersten zehn Künstlern, die an diesem geschichtsträchtigen Denkmal malen durften. Dort lernte sie Kunstschaffende aus Ost-Berlin und aus anderen Ländern der Welt kennen. Die Malerei sei sehr bewegend gewesen, erinnert sich die Caputherin, und die Begegnungen mit Kennern der Szene hat der heute 61-Jährigen den Weg in die Kunst geebnet. Sie war "nach der Wende sehr betroffen, dass der größte Teil der Mauer in einem extremen Tempo abgerissen wurde."
Siegrid Müller-Holtz bekommt für ihr Werk diesmal wie die anderen Künstler 3000 Euro. 1990 gab es nichts. Doch das Honorar reiche vier Künstlern nicht, die sich weigern, dafür ihr Bild nocheinmal zu malen, sagt Müller-Holtz. Sie würden bis zu 15 000 Euro verlangen. Ihre Mauerstücke werden wohl grau bleiben."
Die Caputherin musste mit Kopfhörern malen, weil Bauarbeiter lärmten. Sie hat am ersten Tag auf der riesigen Fläche mit Fingern und Händen gemalt, bis sie wund waren. Sie genoss es, mit den anderen Künstlern Erfahrungen auszutauschen, neugierigen Touristen zu plaudern. Die Arbeit am Kunstwerk, bei zwölf wie bei 30 Grad Celsius, knieend, stehend und auf der Leiter, habe Kraft gekostet und zugleich ihre Batterie neu aufgeladen. "Manchmal kam ich mir aber auch vor wie ein Affe im Zoo, hinter den Gerüsten, die aufgestellt waren, damit wir in Ruhe arbeiten konnten. Aber wir wurden von ABM-Kräften bestens betreut, sie brachten uns die Farbeimer oder den Kaffee. Eine große Hilfe, bestimmt auch für den 88 Jahre alten Maler von der Insel Rügen."
Wenn die Malerin über die Ostsee spricht, leuchten ihre Augen. Sie fühlt sich noch heute eng verbunden mit Stralsund, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Es sei eine schöne Zeit gewesen, bis ihre Eltern 1957 mit ihr in den Westen gingen. Die Liebe zum Wasser ist geblieben - auch darum fühlt sie sich mit ihrem Mann in Caputh so wohl. "Ich habe immer in großen Städten gelebt, hier sind mir die Menschen näher, das schätze ich sehr. Und meine Kunst ist gut angenommen worden. Da kommt so ein bisschen Heimatgefühl auf."