26.05.09Briten in Bad Oeynhausen – Stacheldraht im Kurort

Mit einem kleinen Karren voll Kleidung, Bettwäsche und Kochgeschirr verlassen Anfang Mai 7000 Bürger die Bad Oeynhausener Innenstadt. Vom 4. bis 12. Mai 1945 errichtet die Britische Rheinarmee in der einstmals blühenden Kurstadt ihr Hauptquartier.

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Kategorien: Politik | 1950er Jahre | Nordrhein-Westfalen

Eine Parade vor dem Hotel Königshof in Bad Oeynhausen, dem Sitz der Stabsführung der Britischen Rheinarmee. Foto: Stadtarchiv Bad Oeynhausen .

Von Bärbel Hillebrenner

Die Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 erleben die Einwohner in kargen Wohnverhältnissen hinter - oder je nach Sichtweise - vor einem Stacheldrahtzaun.

Die Stadt Bad Oeynhausen war vergleichsweise glimpflich durch den Zweiten Weltkrieg gekommen. Der Krieg war zu Ende - und weil die Kurstadt eine international bekannte Heilstätte ist, glauben die Einwohner das Schlimmste überstanden zu haben. Aber das Leiden geht für die Oeynhausener Bevölkerung weiter. Am 3. Mai 1945 erhält Bürgermeister Dr. Kronheim den Räumungsbefehl der Britischen Rheinarmee: Unter dem Befehl von Feldmarschall Bernard Law Montgomery soll Bad Oeynhausen Hauptquartier werden. Und die britischen Soldaten brauchen die Häuser und Wohnungen - sie müssen von ihren Bewohnern innerhalb weniger Tage komplett geräumt werden. Wut, Trauer und Fassungslosigkeit bestimmen die Gefühle der Oeynhausener Bürger. Niemand kann zunächst so recht glauben, was da passiert. In der Stadtchronik von Dr. Gerhard Lietz wird der damalige Lehrer Heinrich Deppe zitiert: »Frauen brachen zusammen und bekamen Weinkrämpfe. Wohin mit den vielen Kranken, Alten und Körperbehinderten?« Aber das Weinen hilft nichts.

Fast 7000 Menschen müssen sich eine neue Bleibe außerhalb der Kernstadt suchen - ein flugs aufgerollter Stacheldrahtzaun zieht die Grenze zwischen Besatzern und Besetzten. Wesentliche Verwaltungsgebäude sind nicht mehr erreichbar: Post, Bahnhof, Amtsgericht, Krankenhaus, Rathaus, Schulen, Kirchen, Hotels, Fabriken, die Kurbetriebe, sämtliche Häuser des Kurbades - sie alle müssen geräumt werden, sie alle werden eingenommen. Beschlagnahmt werden 1807 Wohnungen von den vorhandenen 3323, der Wert des zurückgelassenen Mobiliars wird damals auf 40 Millionen Reichsmark geschätzt.

Die meisten Menschen glauben, die Besetzung sei nur von kurzer Dauer. Aber dieser Glaube trügt. Die britischen Soldaten richten sich ein, nehmen keine Rücksicht auf das Inventar, konsumieren hemmungslos, leben in Saus und Braus. Und sie wollen bedient werden: Tagsüber kehren die meisten Oeynhausener zurück - um für die Besatzer zu arbeiten. Sie erhalten Evakuierungs-Ausweise, werden an den wenigen Durchlässen streng kontrolliert. Die Stadt besteht aus zwei Teilen: aus der britischen Sperrzone und den deutschen Randgebieten außerhalb des Stacheldrahtzauns.


Die Bürger Bad Oeynhausens rücken zusammen - und ihre Not macht sie erfinderisch. Das einzige Kaufhaus am Platze verkauft seine Ware unter einem Sonnenschirm. Ein Arzt hält seine Sprechstunde in seinem Schlafzimmer ab, das gleichzeitig Küche war, ein anderer praktiziert in einem Laden, ein Dritter in einem Bierlokal. Und ein Friseur muss vier Jahre lang im Liegestuhl seiner Friseurkabine übernachten.
Derweil lassen es sich die zunächst 3000 Besatzer gut gehen. Der Führungsstab der Rheinarmee lässt sich im vornehmsten Hotel am Platze nieder, für Oberbefehlshaber Montgomery wird eigens eine Autobahnzufahrt gebaut, im Kurhaus werden Spiel- und Clubzimmer eingerichtet. Die Soldaten legen Tennisplätze an, bauen Rollschuhbahnen und ein Hallenschwimmbad, verwandeln feine Villen in Offiziersmessen. Häuser und Wohnungen werden mal für diesen, mal für jenen Zweck umgebaut. Man lebt großzügig und komfortabel. Die Stadtverwaltung schätzt im Jahr 1951 die Zahl der Briten im Sperrgebiet auf 4800, hinzu kommen 700 Ehefrauen und 500 Kinder. Aus der einst friedlichen und blühenden Kurstadt ist eine Militärstadt geworden.

Ab 1950 setzt sich der Stadtdirektor intensiv für die Freigabe der Stadt ein. Er schreibt sogar an Kanzler Konrad Adenauer und bittet um dessen Unterstützung. Nach und nach wird zwar ein Haus nach dem anderen wieder frei gegeben - dennoch dauert es noch weitere vier Jahre, bis die Besatzer die Stadt Bad Oeynhausen an die Bürger zurückgibt. Im Jahr 1954 wird das Hauptquartier der Britischen Streitkräfte nach Mönchengladbach verlegt.

Die Wochen des Auszugs aber sind noch einmal eine Zeit der Trauer und Enttäuschung: Die Einwohner kehren zurück in ihre Stadt - und finden nur zerstörte Wohnungen und Häuser vor. Manche Gebäude sind so kaputt, dass sie nur noch abgerissen werden können. Wertgegenstände sind entweder von den Briten mitgenommen oder so nachlässig behandelt worden, dass sie keinen Wert mehr haben. Das düstere Kapitel ist zwar beendet, als die Stadt Bad Oeynhausen eine Entschädigung bekommt: zwei Millionen Mark. Aber auch der Wiederaufbau führt den Bürgern noch einmal vor, was der Krieg und die Besatzungszeit für Leid und Tragödien gebracht haben.

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