
Wer unliebsame Zeitschriften aus dem Westen mitbrachte, konnte sich schnell im Gefängnis wiederfinden. (Foto: DPA/Altwein)
Von Getrud Behrendt
Den Abend des 11. Februar 1953 wird Klaus Fenske nie vergessen. Damals war er noch Bäckerlehrling, der in seiner Freizeit Leichtathletik betrieb. "Ich trainierte damals unter Werner Eiserbeck", erzählt der heutige Bäckermeister. An jenem Abend war er gerade fertig mit dem Sport und auf dem Weg nach Hause. Da wurde er von der Straße weg verhaftet.
Er wurde in die Hegelallee Potsdam gebracht. "Der Gummi wurde aus der Trainingshose entfernt, damit ich mich nicht erhänge. Die Untersuchungsrichterin beschuldigte mich, den Dritten Weltkrieg vorzubereiten", berichtet er. Wie der damals 16-Jährige das gemacht haben soll, konnte er sich nicht denken.
Einer der beiden Insassen, die mit ihm die Zelle teilten, klärte ihn auf. "Der eine wollte selbst Richter werden. Als er Soldat in Russland war, froren ihm alle Zehen ab. Nach dem Krieg hatte er sich kritisch über die Sowjetunion geäußert. Er erläuterte mir den Artikel 6 der DDR-Verfassung." Darin ist die "Boykotthetze" geregelt. Die wurde einem Teil der Mitangeklagten zur Last gelegt.
Klaus Fenskes angebliche Taten wurden nach der Kontrollratsdirektive (KD) 38 beurteilt. Das erfuhr er aber erst bei seiner Verurteilung im Juni 1953. "In der Zeit vorher waren wir so isoliert, dass ich nicht mal wusste, dass Stalin gestorben war. Nur zu meinem 17. Geburtstag bekam ich ein Paket mit Nahrungsmitteln von meinen Eltern", sagt der heute 73-Jährige.
Damals sah er zur Gerichtsverhandlung viele Gesichter, die er kannte. Auf der Anklagebank saßen mehrere Bäckerburschen aus seiner Klasse. Alle hatten sogenannte Hetzschriften gelesen; manche sogar aus West-Berlin geholt. "Ich hatte die ,Hetzschrift Tarantel' von einem Kameraden aus der Bäckerklasse erhalten, die er von der Grünen Woche mitgebracht hatte", berichtet Fenske.
Mit ihm standen die Bäckerlehrlinge Klaus-Jürgen W., Klaus Sch., Dieter L., Manfred Rauhut, Wolfram H. und Günter H. aus Luckenwalde vor Gericht. Mit den sieben Lehrlingen saßen der Arbeiter Heinz K., der Koch Dieter E. und die Rentnerin Anna W. aus Luckenwalde sowie einen Müller aus Petkus auf der Anklagebank. Oberrichter Schröter hatte am 1. Juni 1953 den Vorsitz. Als Schöffen waren die Herren Held und Fleschner dabei. Die Anklage erhob Staatsanwalt Michael. Freigesprochen wurde nur der Lehrling Günter H.
Am schlimmsten traf es Dieter L. Der 17-Jährige aus einer Handwerkerfamilie wuchs seit 1944 ohne Vater auf. Im Oktober 1952 fuhr er mit anderen Jugendlichen mehrmals nach West-Berlin zur Industrie- sowie zur Gastwirte- und Konditorenausstellung. Jedesmal hatte er einige Hefte der "Tarantel" und die Zeitung der "Freie Bauer" mitgenommen. Im "Bauer", der sich über die Verhältnisse in der DDR lustig machte, steckten Klebezettel. Mit einigen Mitangeklagten klebte er diese auf Schaufenster, auf ein Motorrad, einen Bus sowie in das Beschwerdebuch von Luckenwalde. Die "Tarantel" gab er anderen Schülern zum Lesen und las daraus im Wartesaal des Luckenwalder Bahnhofs vor. Auf der Grünen Woche erhielt er am 1. Februar 1953 etwa 40 bis 50 "Taranteln" samt Umschläge zum Versand. Er bestritt zwar Verbindungen zu Spionageorganisationen, aber das half nichts. Er wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die Begründung im Duktus jener Zeit lautete: "Durch die Erfolge des Aufbaus in der DDR wird den anglo-amerikanischen Kriegstreibern immer mehr bewusst, dass unsere Entwicklung zur Wiedervereinigung Deutschlands auf demokratischer Grundlage führt." Um den Aufbau in der DDR zu stören, seien Spionage- und Sabotageorganisationen tätig. Presse und Rundfunk stünden unter dem Einfluss Amerikas. Eine der übelsten Hetzschriften sei die "Tarantel". Damit sie in der DDR verteilt werden könnten, würden harmlos erscheinende Ausstellungen genutzt, für deren Besuch DDR-Bürger nur ein geringes Eintrittsgeld zahlen müssten, hieß es. Überhaupt würde West-Berlin mit Schundliteratur und -filmen überzogen, um die westliche Jugend vom Kampf um den Frieden abzuhalten.
Die Vorwürfe ähnelten sich. Klaus-Jürgen W. tauschte Westschmöker mit Klassenkameraden und hörte mit seiner Mutter den Westsender Rias. Das allein reichte für eine Verurteilung damals aus. Er musste zwei Jahre ins Zuchthaus, seine Mutter drei - obwohl ihr Leben schon schwer genug gewesen war. Aufgewachsen im Kinderheim, weil ihr Vater sie so misshandelt hatte, dass sie unter einer Rückgratverkrümmung litt, stand sie nun 54-jährig als Invalidenrentnerin vor Gericht. Auch, weil sie sich ein Los gekauft und dann Rias gehört hatte, um zu erfahren, ob sie etwas gewonnen habe. Auch sie hatte sich Zeitschriften mitgebracht.
Angesichts dieser Strafen kam Klaus Fenske vergleichsweise glimpflich davon. Er hatte die Hefte nur erhalten, nicht selbst verliehen. Und einige hatte er im Backofen verbrannt, als er erkannte, dass es sich um "Hetze" gehandelte habe. Allerdings hatte er ein Heft bei der Verhaftung dabei, und - das Normalste der Welt bei Jugendlichen - er hat über den Inhalt mit anderen diskutiert. Er wurde zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt so wie Heinz K.; der Müller aus Petkus erhielt neun Monate Freiheitsentzug. Die anderen sieben mussten ins Zuchthaus, obwohl sechs von ihnen Jugendliche waren.
"Ich wurde zum Abernten von Feldern republikflüchtiger Bauern eingesetzt", erzählt Klaus Fenske über seine Haftzeit. Im September 1953 wurde er nach knapp sieben Monaten aus dem Jugendwerkhof in Ichtershausen entlassen. Ob ihm die anderen Monate wegen guter Führung, einer Amnestie oder anderen Gründen erlassen wurden, hat er nie erfahren. "Ich wollte nur schnell weg und nach Hause", sagt er und: "Meine Eltern hatten öfter beim Generalstaatsanwalt angefragt. Vielleicht war es auch ein neuer Kurs Ulbrichts", vermutet Fenske.
Die Situation im Lande hatte sich nicht entspannt. Fenske sprach kaum über seine Haft. Nach dem Mauerbau 1961 wurden Fernsehgeräte in der Breiten Straße in Luckenwalde ausgestellt, deren Besitzer sich geweigert hatten, den Westkanal ausbauen zu lassen. Da war es besser, sich aufs Private zu konzentrieren.
Die Bäckerlehrlinge verloren sich aus den Augen. Einige gingen nach der Haft in den Westen. Klaus Fenske blieb seiner Heimatstadt treu, erwarb 1962 seinen Meisterbrief, gründete eine Familie und übernahm 1965 die Bäckerei, die bis 2001 bestanden hat. Im vergangenen Jahr hat er Einblick in die Akten des Ministeriums der Staatssicherheit genommen. Seither weiß er, dass an seiner Verurteilung "IM Nachtigall" eine große Aktie hat.
Früher hat er sich mit Arbeit von den Erinnerungen an diese Ereignisse abgelenkt. Heute ist mehr Zeit, nach Dobbrikow zu fahren. Dort steht der Wohnwagen am Glienicksee. "Die Alten werden hier leider immer weniger und Neue kommen nicht nach", bedauert er.