02.06.09Als die schlimme Zeit endlich vorbei war / Serie "Was is(s)t Deutschland"

"Plötzlich gab es alles zu kaufen", erinnert sich die 79-Jährige Anneliese Kohlgraf aus Wilhelmshaven. Aber leisten konnten sich die Menschen längst nicht alles. Gegessen wurde, was im Garten wuchs.

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Wirsingkohl ist für Anneliese Kohlgraf ein typisches Nahrungsmittel für die Zeit nach dem Krieg. Aus einem alten Kochbuch suchte sie ein typisches Rezept von damals heraus.

Von Kristin Kleyhauer

Wilhelmshaven – Ein großer grüner Kohlkopf liegt auf dem Küchentisch.

Für Anneliese Kohlgraf ist er so etwas wie ein Symbol für ein ganzes Jahrzehnt. Das Wintergemüse, das heute als Vitaminlieferant und Fitmacher gilt, hatte vor 60 Jahren eine andere Bedeutung: Er musste satt machen. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg "wurde gegessen, was im Garten wuchs", erzählt die Wilhelmshavenerin. Der Wirsingkohl gehörte dazu.

 

Anneliese Kohlgraf ist 1929 in Schortens geboren, als eines von vier Kindern. Ihr Vater kehrt erst 1947 aus dem Krieg zurück, die Mutter muss die Familie alleine durchbringen -- so wie viele andere Frauen. Viel Geld zu haben war Anneliese Kohlgraf, die damals noch Münkewarf hieß, nie gewöhnt.

 

An den 20. Juni 1948 kann sich die 79-Jährige noch genau erinnern. Es war der Tag der Währungsreform, die D-Mark kam. Herrschte eben noch gähnende Leere in den Regalen der Geschäfte, so sollte sich das über Nacht ändern. "Am Tag danach liefen einem die Augen über", erinnert sie sich. Lange gehortete Waren füllten plötzlich die Regale. "Weiß der Fuchs, wo das alles plötzlich herkam." Doch nur, weil es plötzlich etwas zu kaufen gab, konnten es sich die Leute noch lange nicht leisten. "Wir haben uns die Nasen an den Schaufenstern platt gedrückt, aber kaufen konnten wir nichts", erzählt die Rentnerin.

 

Anneliese Kohlgraf fängt an, den Wirsingkohl zu zerschneiden. Das Kochen hat sie von ihrer Mutter gelernt. "Das ganz Normale, was man halt hatte", sagt sie. Als sie 1945 ihr hauswirtschaftliches Pflichtjahr in Jever leistete, lernte sie eine andere Seite kennen. "Ich war bei einer Geschäftsfamilie. Dort gab es viel mehr Fleisch und damals sogar schon teuren Spargel." Das Jahr 1949 ist ein geschichtsträchtiges, nicht nur für Anneliese Kohlgraf persönlich. Sie heiratete damals ihren Mann Fritz. Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Es sollte das Land wieder selbstständig machen und es vor einem zweiten Desaster wie dem Dritten Reich schützen. Am 15. September 1949 wurde Konrad Adenauer erster Bundeskanzler. In Westdeutschland war die Demokratie geboren.

 

Anneliese und Fritz Kohlgraf wohnten inzwischen in Wilhelmshaven. Die große Politik bekamen sie auch hier zu spüren. "Wir waren froh, dass wir endlich ein normales Leben in Frieden führen konnten. Endlich hörte die Kontrolle durch die Amerikaner und Engländer auf", beschreibt die Seniorin, ihre damaligen Gedanken. Wie die meisten anderen war sie allerdings mehr mit den alltäglichen Sorgen des Lebens nach dem Krieg beschäftigt. Zu welcher Partei der neue Kanzler gehörte, und das er mit 73 schon relativ alt für den Posten war, war ihr egal. "Wir bekamen die Demokratie, aber für uns war wichtig, dass die schlimme Zeit vorbei war, in der es ständig Fliegeralarm gab", erklärt Anneliese Kohlgraf. Nicht nur bei ihr geschah das Umdenken zur neuen Staatsform langsam. Die Menschen wollten in Ruhe gelassen werden und sich ein Leben aufbauen, die Gräueltaten der Nazis vergessen - verschweigen.

 

Die Alliierten hatten damals übrigens nicht nur das Land besetzt, sondern auch "kulinarisch" ihre Spuren hinterlassen. Die "Wilhelmshavener Zeitung" berichtete in einer ihrer ersten Ausgaben von amerikanischem Eierpulver, aus dem sich kinderleicht Rührei herstellen ließe. Anneliese Kohlgraf erinnert sich außerdem an die Einführung der Burger. "Wir haben so etwas nicht gegessen." In ihrer Familie gab es eben deutsche Hausmannskost.

 

Der Stadt Wilhelmshaven brach mit dem Ende des Krieges die Existenzgrundlage weg. Es gab keine Marine mehr, keine Werft. Die Stadt schrumpfte, die Arbeitslosigkeit war enorm. Bundesarbeitsminister Anton Storch wurde von Kanzler Adenauer an die Jade geschickt. "Wilhelmshaven ist die schwerstgeprüfte Stadt im gesamten Bundesgebiet", sagte der Minister. Zum Ende des Jahres 1949 erwartete man hier 21000 Erwerbslose.

 

Anneliese Kohlgraf gehörte nicht dazu. Sie hatte immer Arbeit, obwohl sie nie eine Ausbildung machte. 1951 brachte sie ihre einzige Tochter zur Welt, Ehemann Fritz arbeitete als Finanzbeamter. Einmal in der Woche fuhren Mutter und Tochter zu den Großeltern nach Schortens. "Meine Mutter gab mir Gemüse aus ihrem Garten mit, wenn sie etwas übrig hatte", erzählt Anneliese Kohlgraf. Hin und wieder gab es ein paar Kartoffeln von der Großmutter. "Sie hat mir immer die ganz kleinen herausgesucht. Das war egal, sie haben satt gemacht."

 

Mit der Bundesrepublik und auch mit Wilhelmshaven ging es langsam bergauf. Bis 1955 hatten sich schon 120 neue Betriebe angesiedelt, hauptsächlich aus der Textil- und der metallverarbeitenden Industrie. Es gab wieder Arbeit, auch für Anneliese Kohlgraf. Nach der Geburt ihrer Tochter war sie zuhause geblieben, als das Mädchen fünf war, fing die Mutter bei Olympia an. "Ich habe meiner Tochter erklärt, dass ich arbeiten muss, damit wir etwas zu essen haben", sagt sie. Die Tochter zog in die Nachbarschaft zur Großmutter, erst als sie 13 war, kam sie zurück zu den Eltern.

 

"Sie hat von den schlechten Zeiten nicht viel mitbekommen", glaubt Anneliese Kohlgraf. Wenn sie eine Tafel Schokolade hatten, wurde sie in drei Teile geteilt. Das erste war für die Tochter, die anderen beiden wurden weggelegt -- auch für die Tochter.

 

Da Anneliese Kohlgraf berufstätig war, war bei den Kohlgrafs Arbeitsteilung angesagt. Das typische Familienbild der 50er-Jahre traf auf sie nicht zu: Die Frau bleibt zuhause und der Mann hat das Sagen.

 

"Wenn ich arbeiten gehe und Geld nach Hause bringe, wäre es nicht schlecht, wenn du im Haushalt hilfst", hatte Anneliese Kohlgraf zu ihrem Fritz gesagt. Noch genau erinnert sie sich an die Hausfrauentage, die jede verheiratete Frau bei Olympia einmal im Monat bekam, dann gab es den halben Sonnabend frei, um die Wohnung auf Vordermann zu bringen.

 

"Ich war damals wirklich noch so bescheuert und habe nach der Arbeit am Samstag noch alles gewienert und die Fenster geputzt", erzählt die Seniorin und muss bei dem Gedanken daran lachen.

 

Doch so war die Zeit, nicht nur geprägt durch den Aufschwung, sondern auch durch die Spießigkeit der Gesellschaft, die nach der schrecklichen Kriegszeit nur eines sein wollte: normal.

 

Am 9. Mai 1955 beschloss die Bundesregierung die Gründung der Bundeswehr. Die Marine sollte zurück nach Wilhelmshaven kommen, Adenauer versprach der Stadt 5000 Mann. In der Bevölkerung wurde die Wiederbewaffnung durchaus kritisch gesehen, erinnert sich Anneliese Kohlgraf. Die letzten waren noch nicht einmal aus der Kriegsgefangenschaft zurück, da sollten die ersten schon wieder zum Militär", sagt sie.

 

Mit sinkender Arbeitslosigkeit, auch in Wilhelmshaven, fingen die Menschen an, sich Träume zu verwirklichen. Es wurden Autos gekauft und die Leute verreisten, am liebsten nach Italien. Kohlgrafs konnten sich das in den 50ern noch nicht erlauben. Ein Auto kauften sie sich erst 1963, einen Fernseher haben sie sich 1961 angeschafft. Immerhin kostete das preiswerteste Gerät damals satte 1350 Mark. Das entsprach etwa dem Vierfachen eines durchschnittlichen Monatslohns. "Wir waren es gewöhnt, uns einzuschränken", sagt Anneliese Kohlgraf. Das Geld, was im Monat zur Verfügung stand, wurde durch vier geteilt, für den Rest kaufte sie Milch für ihre Tochter.

 

Gegen Ende der 50er-Jahre erreichte die BRD nahezu Vollbeschäftigung. Es wurden Arbeiter gebraucht. Sie kamen zunächst aus Italien, aber auch aus der Türkei und anderen Ländern. Sie brachten nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Essgewohnheiten mit. Als Folge dessen finden wir zum Beispiel heute ganz selbstverständlich Paprika in den Gemüseregalen. "Am Anfang war ich skeptisch", gesteht Anneliese Kohlgraf. Inzwischen kann sie sich das gesunde Gemüse kaum noch wegdenken. Hier hält sie es so, wie auch in anderen Bereichen des Lebens. "Was teuer ist, muss man nicht kaufen, nur weil es neu ist. Ich habe mein Portemonnaie und von dem, was drin ist, muss ich leben."

Anneliese Kohlgraf ist eine Frau wie viele -- von der Geschichte geprägt.

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