30.06.09"Wir Frauen haben uns selbst befreit"

Heidi Bernheiden war in den 60ern zwar keine Studentin, rebelliert hat sie trotzdem. Mit ihren Turn-Freundinnen ging die heute 71-Jährige abends in die Kneipe -- ohne Männer. "Da war was los in Altengroden", erinnert sie sich mit einem Schmunzeln.

Weitere Texte finden Sie unter: www.wz-online.de
Kategorien: Vermischtes | 1960er Jahre | Niedersachsen

Heidi Bernheiden. WZ-Foto: Gabriel-Jürgens

Von Kristin Kleyhauer

Fetter Speck zerfließt langsam in der Pfanne. Heidi Bernheiden schüttet etwas Mehl und Milch dazu, würzt die Pampe mit Salz und Pfeffer. "Das sieht aus wie Tapetenkleister", sagt sie und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass Mehlschwitze nicht gerade zu ihren Leibspeisen gehört.

"Früher hat man damit das Gemüse verlängert", sagt sie und meint mit "früher" die späten 50er- und die 60er-Jahre.

Heidi Bernheiden kocht grüne Bohnen. Die werden dann mit der Mehlschwitze vermengt. "Die schönen Bohnen", bedauert sie schon jetzt, das grüne Gemüse mit "dem Tapetenkleister verderben zu müssen". Aber so hat man sich in den 60er-Jahren nun mal ernährt. "Damals hat man noch nicht so viel Fleisch gegessen", erzählt die Großmutter.

Dabei war Deutschland längst im Strudel der Wirtschaftswunderjahre. Das Problem war auch nicht mehr, wie nach dem Krieg, die Lebensmittelknappheit. "Es ging ums Einkaufen", erinnert sich die Altengrodenerin. Einen Kühlschrank gab es damals nicht standardmäßig in den Küchen, eine Gefriertruhe schon gar nicht. Es kam öfter geräuchertes Fleisch auf den Tisch, denn das hielt sich länger. "Wir haben viele Eintöpfe mit geräuchertem Speck als Einlage gegessen", erinnert sich Heidi Bernheiden. Erst in den frühen 60er-Jahren bekam sie einen Kühlschrank. "Dann fing ich an, Angebote auf Vorrat zu kaufen", erinnert sie sich.

Auch in den alten Ausgaben der "Wilhelmshavener Zeitung" ist nachzulesen, wie sich die Technik langsam in die Haushalte einschlich.

Eine Artikel-Serie für Hausfrauen erschien unter dem Titel "Bruder Leichtsinn zu Gast". "Frau Maier" machte für die lernbegierige Hausfrau von damals alles falsch, was man falsch machen konnte, und wurde von ihrer Nachbarin eines Besseren belehrt. Die Zielgruppe der Serie war groß. Denn auch wenn es die 60er-Jahre waren, in denen viele Frauen in die Büros stürmten, in den Beruf wollten, so war es doch eigentlich noch selbstverständlich für die (männliche) Gesellschaft, dass die Frau zuhause blieb und die Kinder großzog.

So war es auch bei Familie Bernheiden. Allerdings nicht aus Gründen der Spießigkeit, sondern weil Albert Bernheiden nur selten zuhause war. Er arbeitete auf Montage. "Ich musste oft alleine zurechtkommen", erzählt Heidi Bernheiden. So auch, als sie aus ihrer Wohnung in der Rheinstraße heraus musste. Als sie ihren Mann am Wochenende vom Bahnhof abholte, teilte sie ihm nur noch mit: "Übrigens, wir wohnen jetzt woanders."

Das Jahr 1961 brachte einschneidende Veränderungen mit sich. Für Deutschland und für die Familie Bernheiden. Die entschied sich dazu, ein Haus in Altengroden zu kaufen. Die DDR-Regierung entschied sich, eine Mauer zu bauen, um ihre Bürger zusammenzuhalten. Die Bernheidens wohnen noch heute in ihrem Haus, die innerdeutsche Grenze gehört der Vergangenheit an. Den Mauerbau hatte die damals junge Mutter, die ursprünglich aus Stettin stammt, in den Medien verfolgt. "Das war schon ein mulmiges Gefühl. Wir kommen ja schließlich daher", beschreibt sie ihre Gedanken von damals. Eine Cousine sei noch "schwarz" über die Grenze gekommen.

Etwa um die gleiche Zeit kam ein Medizin-Skandal an die Öffentlichkeit.

Mütter, die das Medikament Contergan während der Schwangerschaft eingenommen hatten, brachten behinderte Kinder zur Welt. Ihnen fehlten die Arme, teilweise auch die Beine. "Ich war zu der Zeit selbst wieder schwanger", erinnert sich Heidi Bernheiden. Eine Nachbarin ebenfalls und die hatte sogar Contergan eingenommen. "Zum Glück ist es bei ihr gut gegangen, aber wir hatten alle Angst", weiß die Altengrodenerin noch.

Vor der Antibabypille, die ebenfalls Anfang der 60er-Jahre auf den Markt kam, hatte Heidi Bernheiden keine Angst. Im Gegenteil. "Ich war wohl eine der ersten, die hier beim Arzt saß und sich die Pille verschreiben ließ", erzählt sie. "Das war eine enorme Erleichterung", sagt sie und meint lachend: "Das Beste, was damals passiert ist".

Ebenfalls 1961 lief der fünfmillionste VW-Käfer vom Band. Er symbolisierte wie nichts anderes das deutsche Wirtschaftswunder.

"Natürlich hatten wir auch einen", erzählt Heidi Bernheiden. Der Boom der Zeit forderte Arbeitskräfte. Die wurden in Südeuropa und der Türkei angeworben. 1964 kam der fünfmillionste Gastarbeiter nach Deutschland.

Die Menschen aus dem Süden brachten allerdings nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Essgewohnheiten mit. So stand zum Beispiel schnell Spaghetti mit Tomatensoße auf den Speisekarten. "Meine Kinder mochten das gerne", weiß Heidi Bernheiden noch. Auch mit Pommes vom Blech konnte sie bei ihren Töchtern punkten. Heute sind Spaghetti, Pizza und Döner nicht mehr aus dem kulinarischen Angebot in Deutschland wegzudenken.

Langsam entwickelte sich in den 60ern eine eigenständige Jugendkultur in Deutschland. Die machte auch vor Wilhelmshaven und Friesland nicht Halt.

Wenn es auch hier nicht zu großen Revolten auf der Straße kam, so bäumten sich die Jugendlichen doch gegen die Eltern-Generation auf. Sie hörten laute Rockmusik, ließen sich die Haare wachsen, rauchten Hasch und nahmen LSD zur angeblichen Bewusstseinserweiterung. Die sexuelle Befreiung dieser Jahre spiegelte sich unter anderem in Aufklärungsfilmen wider.

Die Aufarbeitung der Nazi-Zeit wurde verstärkt gefordert, der Mief der 50er-Jahre-Spießergesellschaft, in der die Vergangenheit gerne unter den Teppich gekehrt wurde, widerstrebte der Jugend zunehmend.

Studentenbewegungen gründeten sich. Das Ganze gipfelte in gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Heidi Bernheiden erfuhr von Ereignissen wie dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg oder dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke aus dem Fernsehen. Von der Revolution von Jung gegen Alt war sie abgeschnitten.

"Davon kam in Altengroden nichts an. Ich hatte meine drei Kinder, das war eine andere Welt", sagt sie.

Auch die zunehmende Politisierung von Literatur, Musik, Theater oder Kunst beschäftigte die 71-Jährige nicht. "Das war alles weit weg", sagt sie und erinnert sich, dass sich damals eher die Generation ihrer Eltern über politische Themen unterhalten habe.

Rebelliert hat Heidi Bernheiden trotzdem -- auf ihre Art. Regelmäßig traf sie sich mit anderen Frauen zum Turnen. Und nicht nur das.

Anschließend ließen sie sich in einer Kneipe noch ein Bier schmecken.

"Da war was los in Altengroden", erinnert sie sich und muss lachen, wenn sie an damals denkt. So etwas gab es einfach nicht, Frauen alleine in der Kneipe, noch dazu, wenn der Mann nicht zuhause war...

Die Altengrodenerinnen gingen noch weiter. Alleine fuhren sie für ein paar Tage nach Berlin. Unvorstellbar war das. "Wir waren einfach froh, mal rauszukommen. Aus dem Gerede haben wir uns nichts gemacht", erzählt Heidi Bernheiden. Im Hinblick auf den Befreiungszug der Jugendkultur sagt sie: "Wir Frauen haben uns eben selbst befreit." Ihr Mann Albert hatte kein Problem damit. "Ich hab nur gestaunt, was es alles gibt", sagt er schmunzelnd.

Was es sonst noch so alles gab, berichtete das Fernsehen. Mit dem ZDF gab es seit 1963 zwei bundesweite Sender, die über das Weltgeschehen informierten. Ende der 60er-Jahre gehörte ein Fernseher in Dreiviertel aller deutschen Haushalte zur Wohnzimmerausstattung. Bei den Bernheidens flimmerte die Mattscheibe seit 1963. Als Willy Brandt 1969 als erster SPD-Politiker Bundeskanzler wurde, sahen Bernheidens das in den Nachrichten. "Da hat man gehofft, dass die alten Köpfe aus Kriegszeiten, die sich immer noch in der Politik tummelten, endlich abgelöst werden", erinnert sich Albert Bernheiden.

Zuvor verfolgten sie den Wechsel auf dem Stuhl des Bundeskanzlers, als Ludwig Erhard Konrad Adenauer nach dessen 14-jähriger Amtszeit ablöste und auch die Meldung vom Tod des ersten Bundeskanzlers im Jahr 1967.

Wenn am Abend nicht der Fernseher lief, dann kam vielleicht Besuch.

"Damals war es dann modern, Hawaii-Toast zu machen", sagt Heidi Bernheiden. Oder es wurde gegrillt. Und da durfte eins nie fehlen -- Kartoffelsalat. Am liebsten mit Speck.

Suche