Von Dorothea von Dahlen
Über geeignete Fluchtmöglichkeiten hatte der damals 20-Jährige schon häufig mit seinen engen Freunden Kurt Lorenz und Peter Grahms beraten. Zwei Versuche waren bereits im Keim erstickt worden. Zunächst hatten die drei sich über Westberlin absetzen wollen. Doch kurz bevor sie sich am 13. August 1961 frühmorgens trafen, hörte Ochs im Radio, dass die Stadt bereits abgesperrt war. Auch der Weg über die Elbe sollte sich als aussichtslos erweisen. Im September 1961 pirschten sich die Freunde nämlich über Umwege ans Lenzener Sperrgebiet heran. Als sie die Soldaten der Grenztruppen entdeckten, die das Gelände im Abstand von 200 Metern bewachten, zogen sich Ochs und seine Freunde vorsichtig zurück.
Blieb also nur die Ostsee. Beim Zelten in Kühlungsborn hatte das Trio die Lage schon ausgekundschaftet. Ein Leuchtturmwächter erklärte ihnen, wo die Drei-Meilen-Zone verläuft und wie weit es bis zur Küste der BRD ist. Ohne es zu ahnen, gab der Mann ihnen Tipps zur Vorbereitung der Flucht. Zurück in Perleberg, trainierten die drei unermüdlich mit dem Faltboot auf der Stepenitz. Vornehmlich nachts. Denn niemand sollte von den Fluchtplänen erfahren.
Als Ochs seinen Einberufungsbescheid in der Tasche hatte, musste alles ganz schnell gehen. Die Boote transportierte ein befreundeter Taxifahrer an die Ostsee, die jungen Männer fuhren separat mit den Motorrädern nach Kühlungsborn. Doch die See war zu rau, um gleich loszurudern. Tagelanges Warten zerrte an den Nerven.
Als sie beinahe aufgeben wollten, klarte es endlich auf. Auf Zehenspitzen schoben sie die Boote ins Wasser. Immer wenn der Leuchtturm von Bastorf blinkte, gingen Ochs und seine Freunde in Deckung. An der ehemaligen Demarkationslinie erstarrten sie zur Salzsäule: Zwei Schiffe mit Bordbeleuchtung tauchten auf. "Wir sind dann zwischen beiden durch und paddelten wie die Geisteskranken", erzählt Ochs.
Sechseinhalb Stunden später, völlig ausgekühlt und steif vom Sitzen, erreichten die drei Land. Noch wussten sie nicht, ob sie tatsächlich Kurs auf Westen genommen hatten oder vom Wind abgetrieben worden waren. Der Kompass war unterwegs entzwei gegangen. Am Leuchtturm neben ihnen hing ein Schild. Als die Männer lasen: "Betreten verboten. Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel", konnten sie ihr Glück kaum fassen. "Uns fielen Felsbrocken vom Herzen", erinnert sich Ochs.
Einer seiner Freunde hatte noch genug Kraft, um sich aufzuraffen. Er lief zu einem Wächterhaus, wurde von amerikanischen Marinesoldaten mit Maschinenpistolen gestellt und sogleich zu den Grenzschützern der Bundeswehr gebracht. Dann war es nur noch eine Sache von Minuten, bis auch die anderen entdeckt wurden. Ochs: "Da kam ein Zwei-Meter-Mann auf uns zu und sagte: 'Herzlich willkommen in der Bundesrepublik'. Ich war so überwältigt, dass ich antwortete: 'Danke gleichfalls.'"
Ochs begann ein neues Leben in Karlsruhe. Er arbeitete als Kraftfahrer und später bei einer Aufzugsfirma, wo er bis zur Rente tätig war. Heute lebt er mit seiner Ehefrau in Königsbach. Seine Kinder - Zwillinge - sind schon lange erwachsen.
Die genauen Umstände der Flucht erzählte der Ruheständler auch erstmals seinen früheren Klassenkameraden, mit denen er vor 50 Jahren die Mittlere Reife absolviert hatte. Die 16 Ehemaligen, die sich unlängst in Perleberg trafen, staunten nicht schlecht, welch lebensgefährliches Manöver ihrem einstigen Mitschüler damals geglückt war.