Von Kristin Kleyhauer
Nach dem Genuss dieser Frikadellen darf man niemandem mehr zu nahe kommen. Lecker sind sie, aber der Knoblauch... Für die Freundinnen Christa Ludwig und Christel Kleinow sind sie der passende Abschluss einer kleinen Zeitreise – zurück in die 70er-Jahre. „Damals hat man viele Hackfleischgerichte gegessen. Frikadellen durften eigentlich nie fehlen, egal ob warm oder kalt. Die gab’s auf Partys, beim Picknick oder zum Mittagessen“, sagt Christel Kleinow. Christa Ludwig stimmt zu.
Die beiden Frauen sind als Kinder zusammen zur Kathrinenfeldschule gegangen. Danach verloren sie sich für lange Zeit aus den Augen. Erst vor zwei Jahren haben sie sich wiedergefunden. Heute sind beide 62 Jahre alt. Ihr Leben hätte kaum unterschiedlicher sein können. Ihre Erinnerungen an die Zeit von 1969 bis 1979 sind trotzdem in weiten Teilen ähnlich – auch über die Frikadellenfrage hinaus.
Christa Ludwig ist keine Frau, die man als typische Hausfrau der 70er-Jahre bezeichnen kann. Sie machte eine Ausbildung zur Dekorateurin und arbeitete seit ihrer ersten Hochzeit 1965 freiberuflich für verschiedene Geschäfte. Ihr erster Mann war Koch, was der Wilhelmshavenerin sehr entgegenkam. Denn ihre Einstellung zur Arbeit am Herd lässt sich so zusammenfassen: „Farbe statt Butter“. Soll heißen: Sie hat eigentlich immer lieber gemalt als gekocht.
Im Jahr 1978 trennte sich Christa Ludwig von ihrem ersten Mann. „Er war mir zu autoritär“, sagt sie und fügt hinzu: „Damals stand immer alles, was man tat, in Verbindung mit dem Mann. Wenn der nicht einverstanden war, dann ging’s nicht.“ Das war auf Dauer nichts für sie. Doch als geschiedene Frau hatte sie in der Gesellschaft einen Makel. „Erst als ich wieder verheiratet war, war ich wieder eine anständige Frau“, sagt die leidenschaftliche Malerin mit einem ironischen Unterton.
Nach ihrer ersten Scheidung fing Christa Ludwig an, sich politisch zu engagieren. Das Interesse für Politik war schon vorher da. Den Machtwechsel an der Regierungsspitze 1969 mit dem neuen SPD-Bundeskanzler Willy Brandt beispielsweise begrüßte sie. „Das war ein Aufschwung“, sagt sie.
Mit ihrem eigenen politischen Engagement setzte sie sich für Wilhelmshaven ein, für die Bürgerschaft saß sie im Kulturausschuss.„Ende der 70er ist auch mein Interesse für Umweltschutz erwacht“, erinnert sie sich. „Ich habe Angst vor Atomkraft.“ Das war schon damals so, als Mitte der 70er-Jahre die großen Atomkraftwerke gebaut und dagegen demonstriert wurde. Die Demos habe sie in den Medien verfolgt. „Leider nicht aktiv“, bedauert sie heute.
Christel Kleinow studierte in Oldenburg, wurde später Lehrerin. Auch sie war schon immer politisch interessiert, allerdings nicht aktiv, schon gar nicht in erster Reihe. „Wir konnten ja nicht querdenken. Wir waren als Lehrer im Staatsdienst, da war man schon eingeengt“, erklärt die Hooksielerin. Noch gut erinnert sie sich an Dorothea Vogt. Die Lehrerin am Mariengymnasium in Jever gehörte der DKP an und wurde aufgrund des Radikalenerlasses von 1972 in den 90er-Jahren vom Schuldienst suspendiert. Grund: Die kommunistische Partei wurde als linksradikal und verfassungsfeindlich eingestuft.
Noch gut erinnert sich Kleinow aber auch an die Zeiten davor, an das Studentenleben. „Mein späterer Mann und ich haben oft mit Freunden gekocht. Die Küche war sehr wichtig“, sagt sie. Gemeinsame Mahlzeiten hatten einen wichtigen Stellenwert und dabei wurde diskutiert. Oft über sozialpolitische Themen. „Wir haben viel diskutiert und öfter gestritten. Aber das wollte man auch“, unterstreicht Christa Ludwig. Das glaubt man dieser Frau sofort. Sie macht den Eindruck, als wisse sie genau, was sie will und es in Kauf nimmt, wenn sie damit bei anderen aneckt.
Christa Ludwig ist sehr offen, für andere Menschen, andere Kulturen (sie liebt besonders Griechenland) und auch für anderes Essen. Wie sie sich freute, als in den 70ern die Lebensmittelauswahl in den Regalen exotischer und internationaler wurde. „Endlich“, sagt sie noch heute so, als hätte sie sehnsüchtig darauf gewartet. „Balsamico-Essig, Dijon-Senf und Avocados sind die ersten Dinge, die ihr aus dieser Zeit als Neuerungen einfallen.“ Doch auch der Mett-Igel, Käsewürfel mit Weintrauben oder Cracker mit Philadelphia dienten als gute Grundlage für ausgedehnte Diskussionsabende mit Freunden.
Für Diskussionsstoff sorgte 1971 die Stern-Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben“. 374 Frauen standen in diesem Heft dazu, ein Kind abgetrieben zu haben. Unter dem Schlagwort „Mein Bauch gehört mir“ protestierten sie damit zum ersten Mal öffentlich gegen den Paragraf 218, der Abtreibungen in Deutschland verbot. „Im Grunde haben wir damals applaudiert“, erzählt Christel Kleinow und erinnert sich, wie sich auch in Oldenburg die ersten Frauen nach und nach outeten. „Das wurde aber nicht am Tisch besprochen und schon gar nicht mit Männern.“
Die 70er-Jahre waren ein Jahrzehnt der Krise, der ersten großen nach Gründung der BRD. Die ölexportierenden Länder Arabiens drehten den Ölhahn zu. Das führte zur 1. Ölkrise 1973. Die Folge: An vier Sonntagen mussten die Autos in der Garage bleiben. Die Bundesregierung sprach ein Fahrverbot aus. Eine weitere Konsequenz war die Gründung des Erdölbevorratungsverbandes. In Wilhelmshaven legte die Nord-West-Kavernengesellschaft in Salzstöcken 35 Kavernen zur Öllagerung an.
Der technologische Fortschritt machte sich erstmals negativ bemerkbar: die Arbeitslosenzahlen stiegen. Die „Wilhelmshavener Zeitung“ startete 1975 eine Ausbildungsplatzinitiative. Denn bei steigender Arbeitslosigkeit explodierten gleichzeitig die Zahlen der Schulabgänger wegen der geburtenstarken Jahrgänge.
In den großen Städten versetzte die Untergrundorganisation „Rote Armee Fraktion“ (RAF) die Bürger mit ihren Terrorakten in Angst und Schrecken. Die Folgen bekamen auch die Menschen in Wilhelmshaven und Friesland zu spüren. „Wir fuhren einen BMW“, erinnert sich Christel Kleinow und weiß noch, dass sie oft von der Polizei kontrolliert wurde. Die RAF-Mitglieder Andreas Baader und Ulrike Meinhof waren mit eben diesem Modell unterwegs – und wurden gesucht. „Wir haben einen Baader-Meinhof-Wagen“, hatte sie in Anspielung auf die Kurzversion der Automarke oft zu ihrem Mann gesagt.
Neben der radikalen Revolte gegen die verfassungsmäßige Ordnung veränderten sich auch die Ansichten von „richtiger“ Pädagogik. Plötzlich durften Schüler Lehrer duzen. „Meine Schwester war auch auf diesem antiautoritären Trip, da durften die Kinder die Wände anmalen. Ich war davon nicht so angetan“, sagt Christa Ludwig.
Freundin Christel hat diese Zeit als Lehrerin erlebt. Der Frontalunterricht bekam damals einen anderen Stellenwert. „Von Kuschelpädagogik halte ich jedoch auch nichts“, erklärt sie. Der Lehrer müsse die Fäden in der Hand halten und der Boss sein, aber nicht auf die Weise, wie es die Alt-Lehrer aus Nachkriegszeiten praktizierten. „Die Pädagogen sahen ihre Aufgabe zu meiner Zeit mehr und mehr darin, den Kindern zu helfen, mutig und stark zu werden“, erklärt Kleinow.
Sie selbst wäre damals gerne mutiger gewesen, hätte sich gern mehr zu politischen Dingen geäußert. Christa Ludwig hat kein Blatt vor den Mund genommen. Sie musste sich oft allein durchs Leben kämpfen und konnte sich immer wieder durchsetzen.
Heute ist sie mit Kurt Ludwig verheiratet, ihrem dritten Mann. Er übernimmt meistens das Kochen, so wie jetzt, damit seine Frau und ihre Freundin ihre Zeitreise in die 70er stilecht abschließen können. Mit einer Frikadelle und ganz viel Knoblauch.