26.05.09Der sehende Maulwurf

Ein westdeutscher Journalist, der aus dem Osten berichtet - und auch dort lebt. Peter Pragal tat das schier Unglaubliche, als er mit Frau und zwei Kindern 1972 nach Ost-Berlin übersiedelte. Seine Erinnerungen daran hat er aufgeschrieben, herausgekommen ist eine Beschreibung des Phänomens DDR.

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Kategorien: Kultur | 1970er Jahre | Berlin

1200 DM für die Plattenbauwohnung - die DDR-Bürger ringsum bezahlten etwa ein Zehntel.

Von Ralf Schuler

Das Erstaunen ist auch nach all den Jahren noch zu spüren. Viele Zeitgenossen haben inzwischen ihre Erinnerungen über oder aus der DDR aufgeschrieben - die von Peter Pragal heben sich vor allem deshalb wohltuend von dieser Literatur-Sparte ab, weil sie nicht inszeniert, dramatisiert, als Abrechnung oder Rechtfertigung erscheinen. 1972 zieht der Journalist als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung nach Ost-Berlin, und es ist selbst bei heutiger Lektüre noch ein schier unglaubliches Abenteuer.

Pragal wählt nicht die bequeme Variante, im Westteil zu wohnen und im Osten zu arbeiten, sondern zieht mit Frau und zwei Kindern in die Platte, Weißenseer Weg 2 (später Ho-Chi-Minh-Straße), Lichtenberg. Seine Kinder gehen später in eine normale Ost-Schule, und schon beim Ausladen der Umzugswagen ist für Menschen mit DDR-Erfahrung ganz plötzlich jenes seltsame Lebensgefühl wieder da: Das Interesse an West-Leuten, die da einziehen, die Hilfsbereitschaft beim Ausladen und der Kranführer, der ohne große Umstände die mitgebrachte "Ente" (Citroën) vom Laster hebt, obwohl er mit dem Umzug gar nichts zu tun hat. Standard-Mustertapeten, die die Neu-Ossis nach westlichem Geschmack hatten weiß tünchen lassen, und natürlich die "Genossen der Volkspolizei", die sicherheitshalber ein Auge auf das Ganze hatten. Man fühlt regelrecht, wie es war, damals. Und dass man dem "Wessi" satte 1200 DM für die Platte abknöpfte, wo sie ringsum 160 Ost-Mark bezahlten, hätte man sich eigentlich auch denken können.

Pragals Kinder gehen später in eine normale Ost-Schule, sicher nicht normal für einen West-Korrespondenten. Der Vater erkundet derweil den DDR-Alltag, kauft vier Brötchen für zwanzig Pfennige und bekommt keine Tüte dazu. Erst langsam kommt ihm zu Bewusstsein, dass dieses so völlig fremde Land nicht Rumänien oder Polen ist, sondern ein anderer Teil Deutschlands. Er beginnt die Politbüro-Texte im Neuen Deutschland auf versteckte Botschaften abzuklopfen und für die Leser "drüben" zu übersetzen, Reportagen zu schreiben, und obwohl er sich von Anfang an keine Illusionen gemacht hat, wird er doch erst nach dem Ende der DDR wirklich erfahren, wie dicht ihm "die Organe" der Arbeiter- und Bauernmacht auf die Pelle gerückt sind. Bei der Durchsicht seiner Stasi-Akten findet Pragal 1993 Fotokopien seines privaten Tagebuchs mit Aufzeichnungen über eine Ehekrise Mitte der 70er Jahre. Er braucht einige Tage, um seine Fassung wiederzuerlangen.

Insgesamt 12 Jahre hat Peter Pragal aus der DDR berichtet, erst für die Süddeutsche, dann für den "Stern" bevor er 1991 zur Berliner Zeitung wechselte. Vielleicht liegt es an dieser vergleichsweise langjährigen Erfahrung mit der DDR und ihren Behörden, dass der Blick zurück keine effektvoll drapierte Folge von Grusel-Sensationen ist, sondern die Beschreibung eines Phänomens, des Phänomens DDR. Dabei lässt sich Pragal nie vereinnahmen, bleibt stets der Beobachter von außen, der mit Interesse alles registriert, sehr wohl auch seine Meinung zu den Dingen hat, am Ende aber doch darauf vertraut, dass diese Dinge sich vor der Geschichte selbst rechtfertigen und richten werden. So wie die Stasi-Leute, die ihn bespitzelt haben, die dazu stehen, sich verleugnen, über ihr Tun nachdenken oder eben nicht.

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