Von Karl-Ernst Selke
Für diejenigen, die die friedliche Revolution, die zum Ende der DDR führte, miterlebt haben, war das der längste Herbst ihres Lebens, weil er bis weit in den Winter reichte. Für mich begann er mit einigen Schlüsselerlebnissen. Abgesehen von den Kommunalwahlen, deren Ergebnisse übrigens auch schon früher geschönt wurden, was man aber bis zum Mai 1989 immer resigniert hinnahm, fand mein erstes Schlüsselerlebnis am Sonntag, dem 17. September, statt. Das war in Bantikow im Anschluss an den Gottesdienst.
Unweit der kleinen Kirche befindet sich das sogenannte Schloss, das zu DDR-Zeiten der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) als zentrale Parteischule diente. Wenn Kurse übers Wochenende stattfanden, kam es nicht selten vor, dass Teilnehmer den Gottesdienst besuchten. An diesem Sonntag waren es etwa 14, gegenüber dem üblichen Gottesdienstbesuch schon eine gewisse quantitative Bereicherung. Nach dem Gottesdienst blieben sie vor der Kirche stehen und diskutierten die Lage. Ich gesellte mich dazu und erfuhr, dass am Tag zuvor der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach in ihrer Runde deutliche Worte zur Situation im Land sprach und bereits die Verbundenheit mit der SED in der Nationalen Front in Frage stellte. Entsprechende Transparente waren auch schon am Schloss zu sehen. Ich dachte: Donnerwetter, wenn sogar schon staatsnahe Leute finden, dass die Zeit reif für Veränderungen ist, dann kann es ja losgehen.
Das zweite Schlüsselerlebnis war kurz vor dem 7. Oktober, der 1989 auf einen Sonnabend fiel. In den Tagen vorher war ich zu einem Seminar im Pastoralkolleg in Templin. Am 5. Oktober fand im Waldhof ein Festakt zu einem Jubiläum statt, an dem auch der damalige Staatssekretär für Kirchenfragen, Löffler, teilnahm. Wir schlugen dem Studienleiter Horst Kasner (Vater der damals noch unbekannten Angela Merkel) vor, den Staatssekretär zu einer Gesprächsrunde einzuladen. Der wurde von uns mit kritischen Fragen geradezu bombardiert. Sie reichten von Wahlfälschungen bis zur Bildung des Neuen Forums, über dessen Aufruf wir zuvor miteinander gesprochen hatten. Seine Entgegnungen wurden immer kläglicher und hilfloser. Wir gewannen die Gewissheit, dass allmählich selbst bei Funktionären der Glaube an die Unfehlbarkeit des Systems bröckelt. Auf der Rückfahrt am 6. Oktober hatte ich dann schon den Eindruck, alles sei etwas gespenstisch.
Dieser Eindruck wurde noch verstärkt, als ich am Abend einer Einladung ins Wusterhausener Kino zum Festakt folgte. Der musste improvisiert werden, da der erst im Mai gewählte Bürgermeister Handrow (dem ich übrigens gleich nach seiner Wahl, als er einen Antrittsbesuch bei mir machte, über das zweifelhafte Wahlergebnis einiges Kritische sagte) aus persönlichen Gründen von der Bildfläche verschwunden war. Am 7. Oktober selbst war dann wieder wie jedes Jahr Festtagsstimmung auf dem Marktplatz geplant mit Würstchenbuden und Pflastermalen für Kinder. Aber kaum jemand ging hin. Es herrschte gespenstische Leere. Der Fahnenschmuck war auch längst nicht so umfangreich wie sonst. Am 7. Oktober 1989 wurde mir klar, dass es mit der DDR zu Ende geht und die Wiedervereinigung nur noch eine Frage der Zeit ist. Ich schaute mir im DDR-Fernsehen die Übertragung des Festaktes zum 40. Jahrestag der Republik an und zwang mich, die ganze fürchterliche Rede Honeckers zu verfolgen. Dabei wurde mir klar, dass dies die letzte Rede war, die Honecker hält.
Ich könnte noch weitere Erlebnisse beschreiben: Friedensgebete in den Kirchen Köritz und Kyritz, Informationsversammlung im Pfarrhaus Falkenhagen, Treffen mit aktiven "Staatsfeinden" und anderes mehr. Das für mich persönlich wichtigste Ereignis war die Bildung des Runden Tisches. Dazu zitiere ich aus einem Beitrag, den ich für das OPR-Jahrbuch 2005 verfasst habe.
Anfang Dezember 1989 erschien auf der Kyritzer Kreisseite der Märkischen Volksstimme (seinerzeit das Zentralorgan der Bezirksleitung Potsdam der SED) eine Meldung, dass der Vorsitzende des Rates des Kreises Kyritz, Hans-Joachim Krebs, Vertreter der Parteien und Massenorganisationen sowie interessierte Bürger zu einer Zusammenkunft im Sitzungssaal des Kreisratsgebäudes einlädt mit dem Ziel der Gründung eines Runden Tisches für den Kreis Kyritz. So kamen denn auch 19 Bürgerinnen und Bürger zusammen: vom Neuen Forum, NDPD, CDU, Kulturbund, DTSB, FDJ, DFD, LDPD, SED, Bürgergruppe Neustadt, DBD, VdgB, FDGB und von der evangelischen Kirche. Der Tisch war zwar nicht rund, aber alle Anwesenden waren gespannt, was geschehen würde. Der Vorsitzende des Rates des Kreises wollte nun die Sitzung eröffnen, als er von den Vertretern der Blockparteien NDPD und LDPD unterbrochen wurde mit dem Protest, die SED hätte lange genug das Zepter in der Hand gehabt. Sie wollten sich nicht mehr von der SED zu irgendetwas abkommandieren lassen und seien nur gekommen, um dies zu sagen und wieder zu gehen. Daraufhin meinte ich spontan, egal wer eingeladen hat, Hauptsache, es sind Menschen bereit, etwas zu tun, damit kein Chaos ausbricht. Nach kurzer Beratung meinten die beiden Protestierer, sie würden bleiben unter der Bedingung, dass ich die Leitung übernehme. Mir blieb also nichts weiter übrig, als mich bereitzuerklären, um den Runden Tisch nicht platzen zu lassen, bevor er zustande gekommen war. Nachdem auch die übrigen Teilnehmer zugestimmt hatten, konnte die Sitzung beginnen.
Auf den ersten Versammlungen mussten erst mal organisatorische Fragen geklärt werden. Doch auch Alltags-probleme kamen gleich zur Sprache. Eine der ersten Entscheidungen des Runden Tisches war die Bildung eines Bürgerkomitees, das am 13. Dezember gebildet wurde. Es bestand aus 14 Mitgliedern und hatte die Aufgabe, die Kreisverwaltung zu kontrollieren und die Beschlüsse des Runden Tisches umsetzen zu helfen. Vorsitzender wurde Dieter Becker.
Erst einmal gab es einige Anlaufschwierigkeiten zu überwinden. Die Zahl der Mitglieder war bis auf 40 angestiegen. Eine Geschäftsordnung wurde erarbeitet. Nachdem im Gebäude des Rates des Kreises ein Büroraum und eine Sekretärin zur Verfügung gestellt und Wolfgang Hörmann von der MV die Funktion eines Protokollführers übernommen hatte, konnte der Runde Tisch seine Arbeit aufnehmen.
Die Geschäftsordnung sah vor, dass sich der Runde Tisch "nach Absprache wöchentlich oder alle 14 Tage" trifft. Das tat er auch in den folgenden Monaten. Schon nach Bekanntmachung seiner Konstituierung erreichten ihn eine Fülle von Eingaben und Beschwerden. Themen u. a.:
- eine Eingabe des Kreiskirchenrates betreffend Trennung von Schule und Jugendweihe,
- Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt (im Februar 1990 285 freie Arbeitsplätze, 10 Arbeitslose!),
- Freigabe von Telefonanschlüssen für die neuen politischen Gruppierungen und Bürger,
- Übersiedlung in die BRD: von Januar 1989 bis Januar 1990 218 Personen, davon 69 Kinder,
- Bericht von Kreisschulrat Kowalzik: Überhang von 45 Pädagogen durch Fortfall der schulischen Pionierarbeit, Fremdsprachenunterricht: Bemühung um Gleichstellung von Englisch mit Russisch,
- Stand der "inneren Sicherheit" im Kreis Kyritz; der Leiter des VPKA, Frank Schiermeister, berichtet regelmäßig über Maßnahmen bei Verdacht auf Korruption und anderen Straftaten.
- Mitarbeiter des Krankentransports Kyritz fordern bessere Arbeitsbedingungen.
- Über die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit und seiner Dienststelle in Kyritz sowie damit zusammenhängende Fragen berichteten Herr Splett, Leiter der AG zur Stasiauflösung, und zwei Stasimitarbeiter aus Potsdam. (Der Runde Tisch beschließt daraufhin eine Exkursion einiger Mitglieder in die ehemalige Stasi-Bezirkszentrale in Potsdam.)
- Protest der Bürgergruppe Neustadt gegen den "Beschluss zur Unterstützung der Erneuerung der Arbeit der Nationalen Front und zur Herausbildung einer nationalen Bürgerbewegung in der DDR", den die Modrow-Regierung am 4. 1. 1990 gefasst hatte,
- Über die Situation des Gesundheits- und Sozialwesens informierte der Kreisarzt OMR Hubert Streibing. Dabei kam auch die Zukunft des Kreiskrankenhauses zur Sprache.
Nachdem der 18. März 1990 als Termin für die erste freie Wahl zur Volkskammer festgelegt war, beschloss der Runde Tisch am 28. Februar 1990 einen Aufruf an die Bürger des Kreises, sich für die Vorbereitung und Durchführung der Wahlen einzusetzen, insbesondere durch Mitwirkung in den Wahlvorständen. Mitte Februar erklärte ich meinen Rücktritt vom Vorsitz und der Mitgliedschaft des Runden Tisches, da ich auf der Liste der CDU für die Volkskammerwahl kandidierte. Der Runde Tisch wählte Pastorin Janet Berchner aus Kyritz zur Vorsitzenden. Der Runde Tisch setzte seine Tätigkeit bis zur Kommunalwahl am 6. Mai 1990 fort, aus der ein demokratisch legitimierter Kreistag hervorging, der einen Landrat wählte. In die Gebäude des Rates des Kreises zog das Landratsamt ein. Erster (und letzter) demokratisch gewählter Landrat des Kreises Kyritz war Hans-Joachim Winter (CDU).