
Peter Freimark im DDR-Museum in Perleberg. Das Museum widmet sich auch der Darstellung der geschichtlichen Zusammenhänge. (Foto: DPA/Settnik)
Von Sandra Bels
Für Hans-Peter Freimark hat die politische Wende in der DDR nicht erst mit den Ereignissen im Herbst 1989 begonnen. Der ehemalige Neustädter Pfarrer wusste schon im Mai '89, dass es in seinem Heimatland so nicht weitergehen konnte. "Da haben meine Frau und ich den Betrug bei der Volkskammerwahl aufgedeckt und nachgewiesen", erinnert sich Freimark, der von 1978 bis 2003 an der Dosse wirkte.
Die Sache ist kurz erklärt: Hans-Peter Freimark und seine Frau Gisela waren damals Wahlhelfer und wussten deshalb genau, dass es außer ihnen sieben weitere Personen gab, die kein Kreuz auf dem Stimmzettel gemacht hatten. "Sie tauchten aber als Wähler in der Statistik auf", so Freimark. Die anderen Zettel waren verschwunden. "Und wir wurden bei der Auszählung der Stimmen des Saales verwiesen", sagt Gisela Freimark.
Ein Ereignis war dem Ganzen vorausgegangen. Vor der Wahl hatte das Pfarrerehepaar Besuch vom damaligen Vize-Bürgermeister bekommen, der sie davon überzeugen wollte, "oder sollte", so Freimark, doch wählen zu gehen. "Ihr seid Untertan der Obrigkeit", soll der Gast damals gesagt haben. Freimarks Haltung hatte sich dennoch nicht geändert.
"Wissen Sie, eigentlich hat die Wende doch schon 1983 angefangen, als in Neustadt die groß angelegte Atomschlagübung ,Dosse 83' stattfand", holt der Kirchenmann aus. Er konnte schon damals nicht verstehen, wie man die Menschen für dumm verkauft hat, indem man ihnen erzählte, sie könnten einen Atomschlag mit einem selbst genähten Mundschutz überleben. "Und dann erst die Kinder: Man hat ihnen in Schutzbunkern Geschichten zur Beruhigung erzählt." Freimark ist noch immer fassungslos. Damals zeigte er seine Ablehnung, indem er mit einem Sarg durch die Stadt zog. Jeder, der hineinsah, sah sich selbst, weil ein Spiegel eingebaut war. "So manchem Parteifunktionär hat das gar nicht gefallen", erzählt Freimark. "Hans-Peter, das ist jetzt nicht das Thema", muss seine Frau ihn bremsen.
Schnell kommt der Pfarrer im Ruhestand zurück zum Jahr '89. Und gleich fällt ihm ein, wie er und seine Frau sich im Juni mit Leuten getroffen hatten, die in Berlin die Betrugswahl für die Volkskammer aufgedeckt hatten. "Wir wollten die Demokratie in einer Urne zu Grabe tragen", weiß Freimark noch. Die Gruppe wollte zum Staatsratsgebäude gehen und eine Petition an Erich Honecker übergeben. Das wurde verboten. Deshalb ging es dann zur Sophienkirche, wo ein Friedensgebet abgehalten wurde. "Als wir wieder rauskamen, war die Kirche umstellt und die Stasi hatte sich junge Leute herausgepickt und abgeführt", erzählt Freimark nüchtern. Seine Frau ist heute noch entrüstet: "Sie kamen in Zivil und es waren auch Frauen darunter. Vergessen wird sie auch nicht, dass sich daraufhin die Teilnehmer des Friedensgebetes hingekniet hatten und zu singen begannen.
Ihr selbst und ihrem Mann war nichts geschehen. "Und dass wir bespitzelt wurden, das wussten wir schon lange", so Freimark. Da fällt ihm gleich die Begegnung ein, die er im Sommer 1989 nach einer Rüstzeit mit Jugendlichen in Ungarn an der tschechischen Grenze mit einem deutschen Grenzer hatte. Während der Tscheche nur freundlich fragte "Na? Im Westen gewesen?" wurde die Gruppe wenige Meter weiter sofort umstellt. "Fahrzeugkontrolle", hieß es damals und "Ausweise, von allen." Freimark war empört. "Da kommste zurück nach Hause und bist nicht über die grüne Grenze abgehauen und wirst dafür noch bestraft", dachte er damals und kündigte eine Beschwerde an. Die Reaktion des Grenzers bei der Weiterfahrt: "Und du grüß mir deinen Gott, du Arsch." Eine spätere Eingabe deswegen wurde mit den Worten beantwortet: "Sie sind immer korrekt behandelt worden."
Dieser Meinung war der Geistliche nicht und hat deshalb auch nie lockergelassen, wenn es um Unrecht ging. So rief er auch zu den ersten Friedensgebeten in die Köritzer Kirche, als er von den Misshandlungen der Demonstranten nach dem 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, gehört hatte. "Wir haben schon damals gesagt, dass es eigentlich keinen Grund mehr gab, diesen Geburtstag zu feiern", so Gisela Freimark. Sie hat ihren Mann stets begleitet und ihn bestärkt - auch damals, als der Gemeindekirchenrat Bedenken gegen die Friedensgebete in der Kirche äußerte.
Aber Freimark wäre nicht Freimark, wenn er sich davon hätte beeindrucken lassen. Mit seinen vielen Protestaktionen zählte er schon damals zu den unbequemen Zeitgenossen. So fuhr er zum Beispiel einen Barkas (B 1000), an dem ein weißes Laken hing, auf das er und seine Frau geschrieben hatten: "Schwerter zu Pflugscharen", was seinen Beliebtheitsgrad bei den Genossen nicht grade steigerte. Dank seiner Beharrlichkeit kamen immer mehr Leute zu den Friedensgebeten in die Kirche. "Irgendwann gingen wir dann raus." Mit Kerzen zur Kreuzkirche. "Leute, lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein", haben wir gerufen, erinnert sich der Pfarrer. Viele folgten der Aufforderung.
Mit dem Tag der Grenzöffnung, dem 9. November, verbinden Freimarks ein tragisches Ereignis. Beide kamen vom Friedhof, wo seit den 70er Jahren am 9. November ein Kranz für die Opfer der Reichspogromnacht niedergelegt wurde. Anschließend war das Ehepaar bei Jörg Reimer eingeladen. Ein Bekannter von ihm wollte sich verabschieden. Er hatte den sogenannten Laufzettel für die Ausreise bekommen. "Mit Entsetzen haben wir die Berichte gesehen, dass die Mauer offen ist", so Freimark. "Dann war ja vieles umsonst", hat der Bekannte damals traurig gesagt. Haus und Hof waren weg, weit unterm Preis verkauft.
Freimarks Wirken war mit der Maueröffnung noch lange nicht beendet. Er gab zum Beispiel der SDP damals monatelang ein Domizil in der Kirche und beteiligte sich auch an der "Demokratie-Jetzt-Bewegung". Ihr ließ Freimark eine Spende zukommen. Nicht aus seinem Port-monee. Ein Unbekannter hatte ihm Geld in den Briefkasten gesteckt und dazu geschrieben: "Für eine Partei, aber keine rote." Der Spender hatte damals vier Wochen Zeit, sich zu melden, wenn er damit nicht einverstanden sein sollte. "Es kam aber nichts", so Freimark.
Erst als sich die ersten Parteien bildeten, zog sich das Paar zurück. "Wir haben aber allen erlaubt, sich in der Kirche vorzustellen", so die Eheleute. Für sie war es eine sehr bewegte Zeit. "Es war auch eine wichtige Zeit, die ohne Blutvergießen verlief", resümiert der Pfarrer. Heute lebt er in seiner Heimatstadt Perleberg, wo er seit 2003 das DDR-Geschichtsmuseum aufgebaut hat. Alles das, was Freimark und seine Frau jahrelang gesammelt und vor der Stasi unter anderem im Kirchturm und auf dem Dachboden des Pfarrhauses versteckt hatten, ist dort zu sehen. Auch seine Stasi-Akten hat er ausgelegt, weit über 3000 Seiten stark. Mit seiner Ausstellung will er die Diktatur der SED in der DDR darstellen, um eine Wiederholung zu verhindern.