Ein Volk stand auf. Was 40 Jahre lang unmöglich schien, wurde in diesem Spätsommer 1989 Wirklichkeit: Menschen demonstrierten für mehr Demokratie in der DDR – und die Staatsmacht ließ das geschehen. Inga Neumann weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit war. „Wir wussten, dass das Militär bereitstand, dass die Panzer in den Tiefgaragen der Innenstadt-Hotels warteten. Wir hatten die Niederschlagung der Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vor Augen.“
Rückblende. Es ist September 1989. Nach den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche finden sich immer montags Menschen ein, um zu demonstrieren – für mehr Demokratie, für eine offenere DDR. „Die Forderungen wie: ,Die Mauer muss weg‘ oder ‚Wir sind ein Volk‘ kamen erst später“, sagt Inga Neumann. Heute ist die Professorin Inhaberin des Lehrstuhls für Neurobiologie und Tierphysiologie an der Universität Regensburg. Damals, im Sommer 1989, war sie Studentin in Leipzig, wo sie an ihrer Doktorarbeit bastelte, und wo sie im Chor der Nikolaikirche sang, dem Ort, an dem die Montagsdemos ihren Ausgang nahmen. Immer nach den Friedensgebeten um 17 Uhr sammelten sich die Demonstranten vor der Kirche, erzählt Neumann. „Das war ein kluger Zeitpunkt. Keiner musste von der Arbeit fern bleiben, die Geschäfte der Innenstadt hatten noch offen, sodass jeder als Ausrede sagen konnte, er gehe noch zum Einkaufen. Und es war früh genug, damit von den Ereignissen noch in den ,West-Nachrichten‘ berichtet werden konnte.“
Inga Neumann hatte damals bereits Familie. Ausreise oder Flucht, das sei ihr nie in den Sinn gekommen, sagt sie. Sie bezeichnet sich nicht als Oppositionelle, war aber kirchlich engagiert, in der „Jungen Gemeinde“ und im Chor. „Ich hatte mir meinen aufrechten Gang bewahrt, und aus meiner politisch sehr kritischen Einstellung nie ein Hehl gemacht, wie man so sagt.“ Die DDR war ihre Heimat. Ihr sei stets klar gewesen, dass sie vor ihrer eigenen Rente niemals die Mauer von der anderen Seite sehen würde. Denn erst Rentner, die auch einen sozialistischen Staat viel Geld kosten, ließ man ins westliche Ausland reisen, erklärt sie. Aber dass das System der DDR dringende Veränderungen nötig hatte, davon war Neumann überzeugt.
Mit diesem Gedanken war sie im Spätsommer 1989 nicht allein. Genährt durch diverse Berichte von gesundheitlichen Problemen Honeckers, hoffte man im Herbst 1989 auf einen Führungswechsel, damit sich was tut im Land, erinnert sie sich. Seit den manipulierten Kommunalwahlen im Frühjahr hatte sich im Land etwas getan. Der Wunsch nach Reform war lauter geworden. „Wir haben den ganzen Sommer fast nur über Politik diskutiert“, sagt die Professorin.
Die Zahl der Teilnehmer an den Montagsdemonstrationen verdeutlicht, wie groß die Proteststimmung war. Am 25. September nahmen geschätzte 5000 bis 8000 Menschen in Leipzig an den Demos teil. Am 2. Oktober sind es bereits 20 000, am 9. sind es 70000, am 16. schon 100000. Auch sind erstmals „Wir sind das Volk“-Rufe zu hören.
Neumann war zwei Mal dabei, als die Menschenmenge in Leipzig für mehr Demokratie protestierte. Angst, sagt sie heute, 20 Jahre später, habe sie damals nicht gehabt. „Ich fand die Situation einfach sehr aufregend. Die Lage war sehr, sehr angespannt. Angst schritt sicherlich im September und insbesondere am 9. Oktober in den ersten Reihen mit; viele hatten sogar schon ihr Testament hinterlegt.“
Am 7. Oktober hatte die DDR ihren 40. Jahrestag gefeiert. Für den Montag darauf, den 9., hatte die Staatsmacht sich für ein Eingreifen bei den Montagsdemos in Leipzig gerüstet. Die Sicherheitsbehörden sollten die Menge zerstreuen und wenn nötig, die „Rädelsführer“ verhaften. Das Wunder geschah: Die Staatsmacht griff nicht ein. „Bis heute ist nicht klar, warum nichts passierte“, sagt Inga Neumann, die damals nicht dabei war. Zu verdanken gewesen sei der friedliche Ausgang einer kleinen Gruppe von Leipziger Persönlichkeiten, die an die Demonstranten appellierten, ruhig zu bleiben. Neumann erinnert sich an Kurt Masur, der damals das Leipziger Gewandhaus leitete und zu den Menschen sprach.
Die Woche darauf war Inga Neumann mit in der Menge. „Man passte aufeinander auf“, sagt sie. Eine Atmosphäre „solidarischer Friedlichkeit“ habe geherrscht unter den Demonstranten. „Es ging darum, ja friedlich zu bleiben, ja keine Scheibe einzuschlagen oder die Polizei anderweitig zu provozieren, sonst wäre die Situation eskaliert.“ Es blieb friedlich.
Die Montagsdemos waren kein Leipziger Phänomen. In Halle, Dresden, Magdeburg, Schwerin, Zwickau, Berlin, Plauen und Rostock wurde der Protest gegen den Staat im Laufe des Oktobers auf die Straßen getragen. Am 23. waren in Leipzig 300000 Menschen, am 4. November kam auf dem Berliner Alexanderplatz eine halbe Million Menschen zusammen. Am 7.November trat die DDR-Regierung und das Politbüro zurück, die Mauer fiel am 9. November. Dem Druck der Massen hatte sie am Ende nicht standhalten können.