Von Klaus Adam
In der kleinen Flämingstadt waren es vor allem die Lehrer, die vor 20 Jahren das Heft des Handelns in die Hand nahmen, resümieren Inge und Dieter Kauerauf im MZ-Gespräch. Parallel zu den Initiativen des damaligen Pfarrerehepaares Beyer und der Kirchengemeinde.
Ein "politisches Vorkommnis" gleich nach Schuljahresbeginn 1989 hatte nicht unbedeutend dazu beigetragen. Die Warschauer-Vertrags-Staaten müssten in Ungarn einmarschieren, habe der damalige Wehrkundelehrer vor einer zehnten Klasse gesagt, als die Meldung die Runde machte, der Staat öffne die Grenze zu Österreich. Eine Äußerung, die sofort einen Protestbrief von wütenden Eltern an den Rat des Kreises nach sich zog. "Sozialistische Staaten schießen nicht aufeinander", so der Tenor des Einspruchs, wie sich Inge Kauerauf erinnert. Der Brief wurde jedoch unter den Tisch gekehrt. "Höchste Geheimhaltung, niemand durfte davon erfahren, insbesondere wir Lehrer nicht", schildert die spätere Bürgermeisterin die damalige Situation. Die hörten aber doch davon. Schließlich besuchte ein Kind des Pfarrerpaares genau jene Klasse. Als Dieter Kauerauf einige Zeit darauf den stellvertretenden Kreisschulrat anrief und eine Reaktion auf den Brief anmahnte, habe der noch hämisch geantwortet: Kollege Kauerauf, am Telefon sind sie wohl besonders mutig?
Die Erwartung einer Reaktion auf jenes "Vorkommnis" war denn auch gleich der erste Punkt eines Forderungskataloges, den die Zahnaer POS-Lehrerschaft in einer Dienstberatung aufstellte. Die fand kurz nach dem "Rücktritt" von SED-Chef Honecker Ende Oktober 1989 statt. In dieser Beratung, in der die Schulleitung eigentlich ganz andere Dinge besprechen wollte, beschlossen die Pädagogen, einen Brief ans Volksbildungsministerium zu schreiben. Abkopplung ideologischer Inhalte vom Unterricht war eine der Forderungen, mehr Mitspracherechte der Lehrer bei schulischen Entscheidungen eine andere. Parteilose Lehrer, wie beide Kaueraufs es waren, lehnten sich dagegen auf, zwangsweise am SED-Parteilehrjahr teilnehmen zu müssen. Und noch einige Dinge mehr wurden aufgelistet. "Am 11. November gab es im Lehrerzimmer einen Paukenschlag", schildert Dieter Kauerauf eine weitere Situation. An diesem Tag erschien die Zahnaer Pfarrerin im Lehrerzimmer und hängte einen Zettel ans schwarze Brett: Einladung zu einer öffentlichen Gesprächsrunde ins Pfarrhaus. Zu jener Zeit in einer sozialistischen Schule noch eine unerhörte Begebenheit. Diese Gesprächsrunden gab es dann regelmäßig.
Die Sorge um den Zahnaer Bach bot wenig später den Rahmen für ein Bürgerforum. Ende November gab es zu dessen Vorbereitung eine erste Gesprächsrunde. "Ich wurde gleich zum Moderator des Forums bestimmt, gemeinsam mit der damaligen Pfarrerin Christa Beyer", so Kauerauf, der später Kreis- und Stadtratsmitglied und auch Schuldirektor war. Das Forum selbst fand dann am 11. Dezember statt. Und natürlich wurde nicht nur über das Umweltthema gesprochen. Auch von hier verließ ein Brief die Runde. Das für Umweltfragen zuständige Ministerium wurde aufgefordert, zur Zukunft des Baches Stellung zu nehmen. Die Antwort war jedoch nichtssagend.