Von Kristin Kleyhauer
Entenbraten mit Rotkohl – für Martina Fackeldey war das in den späten 80er- und den 90er-Jahren mehr als nur ein gutes Essen. Es bedeutete ein Stück Heimat für die Frau, die mit 24 Jahren aus der DDR ausreiste. Sie kam nach Friedeburg, um mit ihrem Mann Bernhard zusammenleben zu können. Die beiden hatten sich in der DDR kennen gelernt. „Bei uns liefen die Enten auf dem Hof herum. Da gab es öfter einen Braten“, erzählt Martina Fackeldey von Zuhause, einem kleinen Ort in der Uckermark, 30 Kilometer entfernt von Stettin.
Es war der 6. Januar 1984 – 316 Tage, nachdem sie ihren Ausreiseantrag gestellt hatte – als Martina Fackeldey mitgeteilt wurde: „Bis 18 Uhr haben Sie die DDR zu verlassen.“ Die junge Frau aus dem Osten hatte also fast sechs Jahre Zeit, sich an den Westen zu gewöhnen, bevor am 9. November 1989 das geschah, was sie nie für möglich gehalten hatte: Die Mauer fiel.
Mit ihrer zweijährigen Tochter auf dem Arm stand sie vor dem Fernseher, als sie die Menschen auf der Mauer tanzen sah. Sie erinnert sich noch genau daran: „Ich hab’ meinem Mann zugerufen ,Die haben die Grenze aufgemacht’“, erzählt sie. Seine Antwort: „Du spinnst.“ Und tatsächlich war das, was in Berlin passierte, auch für Martina Fackeldey absolut unfassbar. „Wer etwas anderes sagt, der lügt“, meint sie.
Um sieben Uhr am nächsten Morgen knallten in Friedeburg die Sektkorken. „Ein Freund meines Bruders aus der DDR stand vor der Tür“, erzählt die 49-Jährige. Bei dem Gedanken an damals glänzen ihre Augen noch heute vor Begeisterung. „Die waren aufgekratzt, als hätten sie Ecstasy genommen“, erinnert sich ihr Mann. 17 Stunden war der Freund unterwegs gewesen und wollte schnell wieder zurück. „Jeder dachte doch, die Mauer geht morgen wieder zu“, sagt Fackeldey.
Die Mauer blieb geöffnet, und die Frau aus der Uckermark konnte nach fast sechs Jahren das erste Mal ihre Eltern besuchen. Die zwei Töchter lernten ihre Großeltern kennen. Eine emotionale, aber auch eine schwere Zeit, nicht nur in der Familie Fackeldey/Radebach (so hieß Martina Fackeldey mit Mädchennamen). Unter der Ausreise der jungen Frau hatte die ganze Familie zu leiden. Den Geschwistern wurden beruflich Steine in den Weg gelegt. So ging es vielen Familien. Dennoch: Jetzt stand das ganze Land Kopf, zumindest am Anfang. Die erste Euphorie wich allerdings der Ernüchterung.
Die Hoffnung vieler Menschen im Osten, dass mit der D-Mark alles gut würde, erfüllte sich nicht. Auch Martina Fackeldeys Bruder hatte daran geglaubt. „Wir brauchen nur die Währung. Arbeiten können wir“, hatte er gesagt. „Ich habe ihm gleich gesagt, dass das nicht reichen wird“, erzählt die Schwester, die sich wegen ihres sechsjährigen „Vorsprungs“ gerne als „Wossi“ bezeichnet. Sowieso habe sie den Versprechungen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl nie geglaubt. „Der Osten war viel zu marode“, begründet sie ihre Zweifel. So schnell würden daraus keine blühenden Landschaften werden. Recht hatte sie: Bis 1999 flossen 1,2 Billionen Euro in den Osten. Viele „Wessis“ fühlten sich ausgenommen.
Am 31. August 1990 stieß Innenminister Wolfgang Schäuble mit dem ersten frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, auf den Einigungsvertrag an. In den Verhandlungen hatte er die Positionen klar gemacht: „Ihr seid herzlich willkommen. Aber hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt.“
Diese Erkenntnis hatte auch Martina Fackeldey. In der DDR hatte sie schon als 21-Jährige als Hauptbuchhalterin einer LPG gearbeitet. Sie hatte Rechnungswesen und Statistik studiert. Als sie sich das Studium anerkennen lassen wollte, bekam sie eine ernüchternde Antwort. „Ich hätte als Verkäuferin arbeiten können“, erinnert sich die Friedeburgerin. Mit ihrem DDR-Studium konnte hier niemand etwas anfangen. Sie beschloss, Geschichte zu studieren. „Ich wollte wissen, was die Wahrheit ist“, erzählt sie.
Die Wahrheit über ihre Vergangenheit in der DDR hatte sie da bereits kennen gelernt. In der Gauck-Behörde in Berlin hatte sie sich ihre Stasi-Akte zeigen lassen. Vieles war unkenntlich gemacht. Einige Namen konnte sie aber dennoch lesen. Es waren Freunde, die sie bespitzelt hatten, so wie es bei tausenden DDR-Bürgern war.
Durch ihr zweites Studium lernte die Wahl-Ostfriesin „eine ganz neue Denke kennen“. Zum DDR-Studium gehörte auch das Fach Marxismus/Leninismus. Im Westen konnte und sollte sie ihre eigene Meinung zu den Dingen bilden und äußern. „Das war natürlich gut“, sagt sie.
Aus dem Geschichtsstudium wurde jedoch nichts. Martina Fackeldey entschied sich für die Fächer Sozialwissenschaften, Psychologie und Recht an der Fernuniversität Hagen. Mit dem Studienbeginn brach eine harte Zeit an, immerhin waren da ihre zwei Kinder, die ihre Mutter forderten. „Durch meine Sozialisation in der DDR war aber für mich immer klar, dass die Frau nicht zuhause ist, sondern arbeiten geht“, sagt Martina Fackeldey. „Ich hatte deswegen nie das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein“.
Sie war viel unterwegs. Auf das Studium folgten zahlreiche Zusatzqualifikationen. Auch als Tutorin hat sie gearbeitet. „Damals habe ich zum ersten Mal gechattet“, erinnert sie sich an die Zeit, als das Internet nur von Experten genutzt wurde. „Das war irre, einer saß in Brasilien, wir in Oldenburg und anderswo“, erinnert sie sich an die fortschreitende Technik der 90er.
Und zwischendurch immer mal einen leckeren Entenbraten. „Es blieb schon noch genug Zeit zum Kochen“, sagt die zweifache Mutter und betont: „Fastfood gab es bei uns nicht. So etwas kannte ich ja gar nicht.“ Die 90er waren die Jahre, in denen Lightprodukte in der Werbung auftauchten. Es gab die ersten Vollkornbrötchen und der Stellenwert einer gesunden Ernährung rückte immer weiter in den Mittelpunkt. „Wir haben darauf schon immer geachtet“, zeigte sich Martina Fackeldey unbeeindruckt. Auf Kindergeburtstagen machte sie die Burger selbst – in Zeiten von aus dem Boden sprießenden McDonalds-Filialen zur eingeschränkten Begeisterung der jungen Gäste...
Martina Fackeldey ist heute Bereichsleiterin des Leinerstifts, einer Einrichtung für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Sie hat sich ihren beruflichen Neustart im vereinten Deutschland hart erarbeitet. Die Möglichkeit hatten längst nicht alle DDR-Bürger, die nach der Wende plötzlich ohne Arbeit dastanden. In der Zeit zwischen 1990 und 1998 stieg die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland von 2,7 auf beinahe 20 Prozent. Die Folge: Unzufriedene Menschen, die sich die Mauer zurück wünschten.
Brutale Anschläge auf Asylantenheime sorgten für Aufsehen, wie in Rostock und Solingen. Der Rechtsradikalismus keimte auf, „aus Hilflosigkeit und Dummheit“, sagt Martina Fackeldey. Im Osten sei es außerdem das Ergebnis der schlechten Informationspolitik gewesen. „Es gab kaum Ausländer und uns wurde damals gesagt, wir sollen die Straßenseite wechseln, falls uns ein Vietnamese entgegenkommt“, erzählt Martina Fackeldey. Auch in der Uckermark versammelten sich in den 90ern „die Glatzen“. „Das war unheimlich“, sagt Fackeldey.
Wie sich die Politik nach der Wiedervereinigung entwickelte, erschütterte die junge Frau. Wie einfach ehemalige DDR-Politiker „ihre Mäntel wechselten“, war für sie nicht nachvollziehbar. Die Wendehals-Mentalität erschreckte sie.
Dann der Machtwechsel. 1998 wurde Helmut Kohl nach 16 Jahren von Gerhard Schröder abgelöst. „Es musste sich etwas ändern“, meint auch Martina Fackeldey. Es hätte sich eine Nehmer-Mentalität entwickelt, gegen die angesteuert werden musste. „Es wurde zu selbstverständlich für viele, alles vom Staat haben zu können“, sagt sie.
Sie selber hat nichts als selbstverständlich angesehen. Die Möglichkeit jedoch, zu sagen und zu tun, was sie möchte, war für sie ein großer Gewinn – auch, wenn es nicht immer leicht ist.