29.05.09Wiedervereinigung im Kleinen

Die Grenzübergangsstelle Marienborn ist ein Fanal der deutschen Teilung. Eigentlich sollte sie einer Autobahnraststätte weichen. Der Bielefelder Franz Schaible sorgte Anfang der 90er Jahren dafür, dass sie eine Gedenkstätte wurde.

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Kategorien: Politik | 1990er Jahre | Nordrhein-Westfalen

Franz Schaible in seinem Büro in der GAB-Zentrale.

Von Michael Schläger

Es ist eines jener Husarenstücke, die wohl nur in den Zeiten nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung möglich waren. Und es ist eine Geschichte, die so ganz nach Schaibles Geschmack ist.

Mitarbeiter der von ihn gegründeten Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (GAB) waren seinerzeit auf dem Kontrollpunkt mit Sicherungsarbeiten betraut und erkannten das historische Potenzial. »Ich habe dann einen Brief an die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth geschrieben«, erzählt er. »Dann kam Bewegung in die Sache, und der Landtag von Sachsen-Anhalt hat auf Antrag der GAB für den Erhalt der Grenzübergangsstelle gestimmt.«

Die GAB ist Schaibles Kind. In Bielefeld hatte er in den 80er Jahren aus einem bescheidenen Arbeitslosenprojekt ein vielschichtiges gemeinnütziges Unternehmen aufgebaut, das nur ein Ziel hatte: Menschen wieder in Arbeit zu bringen.Schließlich war in den 80er Jahren die Vollbeschäftigung passé, stieg die Sockelarbeitslosigkeit, jene Zahl von Erwerbslosen, die sich einfach nicht abbauen ließ, immer weiter an. Und Schaible hatte selbst erfahren müssen, was es bedeutet, mittellos dazustehen, damals kurz vor Ende seines Sozialarbeit-Studiums in Paderborn, als das Bafög nicht reichte, die junge Familie zu ernähren.

1989, als die Mauer fiel, war die GAB längst etabliert - und Schaible spürte den Reiz, etwas Neues zu beginnen. »Eigentlich hatte ich gar keine Kontakte in die DDR«, erzählt er. Nur eine Zufallsbekanntschaft. Einer Rentnerin aus Dessau, die bei einem Besuch im Westen am Bielefelder Hauptbahnhof gestrandet war und der er ein Nachtquartier angeboten hatte, weil ihr die Devisen fürs Hotel fehlten.

Jetzt fuhr er nach Dessau und gründete 1990, noch in den letzten Monaten der DDR, eine Arbeitslosenhilfeorganisation, die ASG, die Arbeits- und Sozialförderungsgesellschaft.Dann ging alles ganz schnell. Durch eine TV-Sendung wurde das Dessauer Projekt bekannt, und es kamen Anfragen aus vielen anderen Orten der DDR: Ludwigsfelde, Neuruppin, Glauchau, Weißwasser, Bitterfeld, Magdeburg.

Die versprochenen blühenden Landschaften ließen sich so schnell nicht verwirklichen. Arbeitslosigkeit bestimmte das Schicksal vieler ehemaliger DDR-Bürger. Hilfe war allerorten gefragt. Und Schaible war auf einmal Geschäftsführer von 20 unterschiedlichen gemeinnützigen Gesellschaften in den neuen Ländern.

Über die 90er Jahre sagt Schaible, dass sie ihm die eindringlichsten Erfahrungen gebracht haben - und viele bis heute anhaltende Freundschaften mit Menschen aus den neuen Bundesländern.Eine endete jäh. Mit der brandenburgischen Sozialministerin Regine Hildebrandt verband ihn ein besonderes Verhältnis. Als 1997 in Bielefeld erstmals der von Schaible maßgeblich initiierte Förderpreis der Solidarität vergeben wurde, war Regine Hildebrandt die erste Preisträgerin. Schon von der Krankheit schwer gezeichnet, hatte ihm die SPD-Politikerin 2001 zugesagt, dass der Preis nach ihrem Tod nach ihr benannt werden dürfe. Er ist heute eine bundesweit bekannte Auszeichnung.

Franz Schaible ist bei allem Erfolg bescheiden geblieben. Viele, die eine Laufbahn wie er hingelegt haben, residieren heute auf großzügigen Büroetagen. Schaibles Büro im ehemaligen Speicher an der Meisenstraße, der heutigen GAB-Zentrale, ist nur wenige Quadratmeter groß, und es steht auch noch ein zweiter Schreibtisch drin. In den Aktenordnern lagern auch die Erinnerungen an jene verrückten Jahre. Währungs- und Wirtschaftsunion mögen geklappt haben, auch die politische, »Aber die Sozialunion im Kleinen ist auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht vollendet«, lautet Schaibles nüchternes Fazit.

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