
Wohin mit den Honeckers? Nach dem Zusammenbruch der DDR begann für das Ehepaar eine lange Odyssee, die im chilenischen Exil endete.
Von Bert Wittke
Wohin mit Erich Honecker und seiner Frau Margot, nachdem am 9. November 1989 die Mauer gefallen war? Die Waldsiedlung in Wandlitz war aufgelöst und eine Privatwohnung barg das Risiko wütender Protest und Anfeindungen in sich. Es begann eine Odyssee, in deren Verlauf auch der Name Liebenberg fiel, wenn am Ende auch nur als Randnotiz.
"In Lindow muss die Volksseele gekocht haben", erzählt Grünebergs Pfarrer Gerhard Gabriel und erinnert sich an Gespräche mit seinen Amtsbrüdern Hans-Joachim Schubach, damals Pfarrer in Lindow und inzwischen verstorben, sowie Horst-Dieter Krause, einst Pfarrer in Herzberg und heute Ruheständler in Rüthnick, Nachbarort von Grieben. Die beiden Geistlichen berichteten, dass sie dazwischen gehen mussten, als die Lindower Wind davon bekamen, dass das Ehepaar Honecker ganz in der Nähe, in einem früheren Gästehaus der DDR-Regierung in Gühlen, Quartier bezogen hatte. Aufgebrachte Bürger waren vor das Haus gezogen. Lynchjustiz war zu befürchten. In dieser Situation schritten Hans-Joachim Schubach, der dafür extra seinen Ostseeurlaub abbrach, Horst-Dieter Krause und einige andere Christen beherzt ein und handelten schließlich aus, dass Honeckers noch eine Nacht unbehelligt im Haus verweilen dürfen, bevor sie Gühlen verlassen.
Wohin nun mit den beiden Vertriebenen in dieser Republik? Diese Frage stellte sich seinerzeit auch Gerhard Gabriel und der Pfarrer glaubte, eine Antwort gefunden zu haben. "Mir fiel in diesem Moment die Parteitreue der Liebenberger Genossen ein", erzählt er. Ihm sei Liebenberg immer als ein von linientreuen Genossen geführter Staatsbetrieb erschienen und so hielt er die Liebenberger für geeignet, die Honeckers sicher in ihrem Ort unterzubringen. Egal, ob im Schloss, im Seehaus oder einem anderen Gebäude. "Mir ging es seinerzeit darum, eine Unterkunft für die Honeckers zu finden, wo sie leben und wohnen können, ohne ihre Menschenwürde zu verlieren", sagt Grünebergs Pfarrer. Einen Ort, wo man sie nicht wie geprügelte Hunde durch die Straßen treiben würde.
Gerhard Gabriel rief seinen Bischof in Berlin an und erzählte diesem von dem Plan. Die Antwort von Gottfried Forck: "Gabriel, machen Sie das mal! Ich werde helfen, Verbindung mit dem Ehepaar Honecker aufzunehmen." Da Gerhard Gabriel aber niemanden in Liebenberg wusste, den er in dieser Angelegenheit ansprechen konnte, entschloss sich der Pfarrer kurzerhand, drei Plakate zu malen und diese in Liebenberg aufzuhängen. Auf den Plakaten in DIN-A4-Format stand: "Wenn Sie bereit sind, Honecker bei sich aufzunehmen,melden Sie sich bitte bei mir im Pfarramt in Grüneberg. Bischof Forck wird dann die Vermittlung übernehmen." Das Ergebnis? "Ich habe keine einzige Reaktion bekommen", sagt Gerhard Gabriel und ist noch heute darüber enttäuscht. "Honecker hat mit leid getan. Auf andere Menschen loszugehen, so etwas machen Christen nicht. Die Liebe Gottes gilt allen Menschen. Protestanten unterscheiden zwischen der Person und ihrem Werk. Hat der Mensch etwas Böses getan, muss er dafür bestraft werden. Aber deshalb bleibt er dennoch ein Mensch."
Die Honeckers fanden Ende Januar 1990 schließlich Kirchenasyl bei Pfarrer Uwe Holmer in Lobetal.