Von Frank Kallensee
Schon im Jahr nach der Eröffnung passierte es zum ersten Mal: 1975 suchten Bürger Asyl in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, um ihre Ausreise aus der DDR zu erzwingen. Solche Zufluchtsfälle sollten sich alsbald häufen, weshalb das Haus an der Hannoverschen Straße 1977 vorübergehend von einem Großaufgebot der Polizei abgeriegelt wurde. Danach gehörten Routinekontrollen zum Alltag - und mehr als 400 Bürger wurden nach dem Besuch der "StäV" wegen "unerlaubter Kontaktaufnahme" verhaftet und verurteilt.
Heute firmiert das Bundesministerium für Bildung und Forschung in dem 1914 als Kaserne errichteten, 1938 von der Polizeischule Mitte und 1948 von der Akademie der Wissenschaften genutzten Gebäude. Doch deutsch-deutsche Geschichte wurde geschrieben, nachdem Günter Gaus als Gesandter akkreditiert worden war und die "Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR" am 20. Juni 1974 ihre Arbeit aufnehmen konnte. Gaus folgten Klaus Bölling, Hans-Otto Bräutigam und Franz Bertele im Amt. Letzterer schloss die Vertretung 1990, am Tag der Wiedervereinigung.
Der Name verriet bereits, auf welch heiklem politischem Terrain zu agieren war: Zum einen galt es in der Tat, die Interessen der Bundesrepublik zu vertreten, also Abkommen und Verträge zu verhandeln, zum andern zählten auch Familienzusammenführungen, Erbschaftsangelegenheiten oder Häftlingsbetreuung zum Aufgabenspektrum.
Für die Staatssicherheit war die Liegenschaft mithin immer ein Observationsobjekt. Minister Mielkes Mannen lagen in den Häusern rundum auf der Lauer. Nebenbei konnten sie so auch noch den Liedermacher Wolf Biermann beschatten, der bis zu seiner Ausbürgerung 1976 vis-à-vis wohnte. Nur ein eigens im Gartenhaus der Vertretung installierter isolierter Raum garantierte Schutz vor den Spähern.
Ansonsten waren sie stets anwesend - ob bei einer Visite von Willy Brandt oder im Herbst 1986, als Carl Friedrich von Weizsäcker über "Fragen der Friedenssicherung in Europa" referierte und Politbürokraten wie Hermann Axen und Kurt Hager lauschten. Überhaupt: Der in und von der Vertretung gepflegte ost-westliche Kulturaustausch gefiel den Genossen wenig. Trotzdem wurden die Beuys-Ausstellung 1981 oder die Schau der "Jungen Wilden" 1982 zu legendären Ereignissen - in der DDR.
Weltweit Schlagzeilen machten hingegen die Massenbesetzungen der StäV 1984 und im Sommer 1989, als 130 Menschen auf dem Gelände kampierten. Nach der ersten Besetzung wurde der Warteraumtrakt "vergittert", um dergleichen künftig zu erschweren. Das Jahr 1989 fing dennoch mit einer Besetzung an, am 9. Januar. Es blieb eine kurze, denn schon am 11. Januar verließen 20 ausreisewillige DDR-Bürger die Vertretung wieder, nachdem ihnen durch DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel Straffreiheit zugesichert worden war. Inoffiziell hatte ihnen der Jurist versprochen: "Ihre Angelegenheit kommt innerhalb dieses Jahres zu einem guten Ende." Ende Januar trafen die meisten im Notaufnahmelager Gießen ein.