30.06.09Die ständigen Sorgen eines ständigen Vertreters

Zwei Jahre nach Abschluss des Grundlagenvertrages zwischen der BRD und der DDR wurden im Frühjahr 1974 die Ständigen Vertretungen in Bonn und Berlin eingerichtet. Hans Otto Bräutigam war von 1982 bis 1988 Missionschef in der DDR-Hauptstadt. Ein Interview über den westdeutschen Außenposten im real existierenden Sozialismus.

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Kategorien: Politik | Menschen | Berlin

Hans Otto Bräutigam 2004.

 Interview: Detlef Nakath und Karlen Vesper

Just in dem Jahr, als es in der DDR spannend wurde, haben Sie ihren langjährigen Posten als Ständiger Vertreter der BRD in der DDR verlassen. Warum?

Ich hatte mich fast zwanzig Jahre lang mit den deutsch-deutschen Beziehungen und Problemen befasst, da wollte ich einfach mal etwas Neues beginnen. Mein Wunsch, nach New York an die UNO delegiert zu werden, fand im Auswärtigen Amt und bei der Bundesregierung Gehör. Ich hätte gern alles wieder rückgängig gemacht, als ich merkte, in der DDR gibt es eine Aufbruchstimmung. Aber das war nicht mehr möglich. Als ich mich am 6. Januar 1989 in Ost-Berlin verabschiedete, ahnte ich nicht, dass neun Monate später die Mauer fallen würde.

Hat die Neue Ostpolitik die DDR länger am Leben gehalten, wie ein Vorwurf von Konservativen lautet?

Das ist Unsinn. Ähnliche Kritik gibt es am Milliardenkredit, den Alexander Schalck-Golodkowksi mit Franz Josef Strauß, der nun wahrlich kein Kommunistenfreund war, ausgehandelt hat. Die Entspannungspolitik kam den Bürgern zugute. Sie verhinderte ein völliges Abschotten der DDR.

Andersrum gefragt: Hat das Bahr’sche Konzept »Wandel durch Annäherung« den Boden für die Wende und Vereinigung bereitet?

Es waren die Bürger in der DDR, die die friedliche Revolution und die Vereinigung ermöglicht haben. Und Gorbatschows Perestroika. Die Entspannungspolitik hat sicher einen Teil dazu beigetragen, aber nicht den maßgeblichen.

Sie haben die Ständige Vertretung in der DDR eingerichtet, Günter Gaus das »Nest« bereitet.

Ein gemütliches Nest war das nie. Ja, ich war beauftragt, das »Vorauskommando« zu leiten. Am 1. Mai 1974 bezogen wir unser Quartier zunächst im Hotel Unter den Linden in Ost-Berlin.

Kurz zuvor war in Bonn Günter Guillaume, der »Kanzlerspion«, wie West-Zeitungen titelten, verhaftet worden. Hat das Ihre Arbeit beeinträchtigt?

Es gab in der Tat im Bundeskanzleramt Überlegungen, die geplante Eröffnung der beiden Ständigen Vertretungen abzusagen. Am 5. Mai wurde ich nach Bonn gerufen und ins Bundeskanzleramt bestellt. Dort unterrichtete mich Gaus, dass Willy Brandt zurücktreten werde, was mich sehr erschütterte. Ich solle abermeine Arbeit fortführen. Als ich mich am nächsten Tag in Ost- Berlin mit dem Leiter der Abteilung BRD im DDR-Außenministerium, Karl Seidel, traf, habe ich keinen Hehl aus meiner Meinung gemacht, dass die Guillaume-Affäre eine schwere Belastung für die aufzubauenden Beziehungen sei.

Belastet waren die deutschdeutschen Beziehungen letztlich weniger durch Spionagefälle als durch den stetigen Streit in »humanitären Fragen«, vor allem nach Helsinki 1975. Waren die den Korb 3 der KSZE-Schlussakte betreffenden Probleme, Menschenrechte, jene, die Sie als Ständiger Vertreter am meisten beschäftigen?

Mit solchen wurde ich schon konfrontiert, als ich noch mit der Einrichtung der Vertretung befasst war. Besonders zu Herzen ging mir das traurige Los einer jungen Frau, deren Eltern kurz vor dem Mauerbau nach Westberlin gefahren waren und sie, damals fünf Jahre alt, bei den Großeltern in Ost-Berlin gelassen hatten. Plötzlich war dann die Stadt abgeriegelt. Ich versprach ihr, wir würden uns kümmern, dass sie nach 13 Jahren Trennung wiedervereint würden.

Für weltweite Schlagzeilen sorgte die Botschaftsbesetzung 1984. Da waren Sie seit zwei Jahren Missionschef. Waren Sie auf diese Herausforderung vorbereitet?

Man ist nie wirklich auf solch dramatische Situationen vorbereitet. Vorausgegangen war dem ein Asylersuchen von sechs jungen DDR-Bürgern in der Botschaft der USA im Januar 1984. Ich wurde von den Amerikanern gebeten, die Gruppe zu übernehmen. Das lehnte ich ab, bat sie aber, die jungen Leute nicht vor die Tür zu setzen. Die Dänen hatten auch einige Male Botschaftsflüchtlinge, aber das Problem stets selbst geregelt. Die Amerikaner meinten, das sei eine deutsche Angelegenheit. Ich rief Rechtsanwalt Vogel an, der gerade in Österreich weilte. Er kam sofort. Allerdings war ich dann doch überrascht, als er der USA-Botschafterin sagte, von höchster Stelle sei entschieden worden, die Sechs sofort nach Westberlin zu überstellen. Die Erklärung für das rasche Einlenken der DDR: Man erwartete zwei ausländische Staatsgäste. Da wollte man keine Negativschlagzeilen. Ich ahnte aber, was das für Konsequenzen haben könnte und sagte Vogel: »Wenn sich das rumspricht, wird unser Haus in der Hannoverschen Straße gestürmt.« Tatsächlich kamen zwei Tage später zwölf DDR-Bürger zu uns. Noch am Abend konnten auch sie, wieder mit Vogels Hilfe, ausreisen.

Und Ihre düstere Vorahnung ...

... erfüllte sich im März 1984. Es begann mit einem NVA-Soldaten, der seine Einheit verlassen hatte und befürchtete, als Deserteur bestraft zu werden. Wir konnten ihn nicht abweisen. Nun kamen immer mehr Flüchtlinge. Vogel antwortete aber auf unsere Hilfeersuchen: »Ich habe keine Mandat.«

Von Seiten der DDR-Führung eine nachvollziehbare Antwort.

Wir sahen uns gezwungen, die Vertretung zu schließen. Im Mai stieg die Zahl der Asylsuchenden auf über 50 an. Unser Haus war zum Bersten voll. Eines Tages hat ein Mann vor unserem Haus, weil er nicht mehr eingelassen wurde, versucht, sich selbst anzuzünden. Er war so aufgeregt, dass es ihm Gott sei Dank nicht gelang. Solche Szenen entsetzten und deprimierten uns. Ich telefonierte nun fast täglich mit Vogel und sprach Klartext – für die Lauscher der Staatssicherheit: »Wir können diesen menschenverachtenden Zustand nicht länger hinnehmen.«

Sie haben der DDR-Staatsmacht gedroht? Was für Druckmittel hatte die Bundesrepublik denn?

Einige, etwa die Aussetzung des Swing, des seit 1951 im innerdeutschen Handel geltenden zinslosen Überziehungskredits. Jedenfalls konnten wir am 30. Juni die Flüchtlinge verabschieden, allen war die Ausreise genehmigt worden. Erich Honecker wollte im Herbst in die Bundesrepublik reisen.

Da sagte Moskau »Njet«. Erst 1987 durfte er, da waren Sie sein »Ehrenbegleiter«. Er hat viel bekommen, aber nicht alles.

Seine »Geraer Forderungen« – Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft, Schließung der Erfassungsstätte Salzgitter etc. – wurden nicht erfüllt. Aber er hatte hochrangige Gespräche mit Politikern und Industriellen. Diese Aufmerksamkeit dürfte ihm geschmeichelt und ihn befriedigt haben.

Viele DDR-Bürger haben sich von dem BRD-Besuch mehr erhofft.

Vor allem einen Durchbruch im Reiseverkehr, vielleicht sogar völlige Freizügigkeit. Die getroffenen Abkommen waren aber nicht unbedeutend. In den deutsch-deutschen Beziehungen ging es stets nur in kleinen Schritten, nicht in großen Sprüngen voran. Und es gab Rückschläge.

DDR-Oppositionelle kritisierten die große Aufmerksamkeit Bonns für den Partei- und Staatschef und die mangelnde ihnen gegenüber.

Wir hatten Sympathien für die Menschenrechts- und Friedensgruppen. Wir wollten aber nicht durch einseitige Parteinahme die deutsch-deutschen Beziehungen, die stets schwierig und immer gefährdet waren, belasten. Ich habe meinen Mitarbeiter zwar empfohlen, in Ost-Berlin, wo wir arbeiteten, auch zu leben, also unter DDR-Bürgern, was keine Selbstverständlichkeit war. Aber ich wies sie auch an, keine engeren Kontakte zur Opposition zu suchen, um dem Misstrauen der Staatssicherheit nicht weitere Nahrung zu geben und die Oppositionellen nicht stärkeren Repressionen auszusetzen.

Aber Sie hatten Kontakte?

Ja, vor allem zu Vertretern der Kirche. Ich verstand deren Bemühen, mit der Losung »Kirche im Sozialismus« zu einem entspannteren Verhältnis zwischen den Christen in der DDR und der Staatsmacht zu gelangen.

Sie haben viele Gespräche mit Mitgliedern des SED-Politbüros geführt.

Das gehört zu den Aufgaben eines Diplomaten, war wichtig, um einiges »herauszuhören«. Die Unterredungen zum Beispiel mit Axen und Hager waren sehr aufschlussreich. Sympathisch war mir der Landwirtschaftsexperte Werner Felfe und auch der langjährige Leiter der West-Abteilung im SEDZentralkomitee Herbert Häber, der dann gestürzt wurde – 1985, in einem Jahr, in dem es im Ost-West- Verhältnis mal wieder kriselte, neue Spannungen sich aufbauten.

Was haben Sie von den Diskussionen in der DDR mitbekommen, als Gorbatschow in der UdSSR mit Glasnost und Perestroika begann?

In einem Gesprächskreis in der Sophiengemeinde, zu dem mich Pfarrer Michael Passauer eingeladen hatte, ging es vornehmlich um die Perestroika. Und darum, dass Ausreise keine Lösung ist. Die Bürgerrechtler plädierten für das Bleiben und Veränderungen in der DDR. Von Wiedervereinigung war nicht die Rede.

Am 3. Oktober 1990 haben Sie in der UNO eine Erklärung zur deutschen Einheit abgegeben. Hätte nicht ihr damaliger DDR-Kollege auch zu Wort kommen müssen?

Die DDR gab es nicht mehr. Sie ist auf Beschluss der beiden deutschen Parlamente und entsprechend dem Artikel 23 des Grundgesetzes am 2. Oktober um Mitternacht der Bundesrepublik beigetreten. Ich hatte DDR-Botschafter Siegfried Zachmann schon im September eine würdige Verabschiedung angeboten. Er sagte, er werde es sich überlegen. Acht Tage später war er nicht mehr in New York. Wir bekamen den Schlüssel zur DDR-Vertretung am 3. Oktober wortlos vom Hausmeister ausgehändigt. Ich fand das etwas merwkwürdig, verstand diese Reaktion aber.

Unfreundlich war die Abwicklung des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.

Das habe ich mir auch anders gewünscht. Ich plädierte für die Übernahme kompetenter DDR-Diplomaten in den Auswärtigen Dienst – und es gab da nicht wenige, gerade in der jüngeren Generation. Es wurde aber anders entschieden.

Manche BRD-Vertreter im Ausland haben den 3. Oktober 1990 nicht abgewartet, schon zuvor die »Schätze« in den DDR-Botschaften, Tafelservice und Teppiche, Schulbänke und Tafeln, taxiert.

Davon ist mir nichts bekannt. Das würde von mangelndem Anstand zeugen. Ich war immer um einen korrekten und normalen Umgang mit DDR-Diplomaten bemüht. Wahr ist, dass manche Kollegen sich schwer getan hatten, als die sozialliberale Koalition die Hallstein-Doktrin beendete. Ich hatte zu einigen DDR-Kollegen sogar ein sehr gutes Verhältnis, so zu Karl Seidel, auch wenn unsere erste Begegnung frostig gewesen war.

Wie das?

Im Januar 1971 begleitete ich zum ersten Mal Egon Bahr zu einem Gespräch mit Michael Kohl, dem Chefunterhändler der DDR, nach Ost-Berlin. Wir standen zur vereinbarten Zeit vor dem Gebäude des DDR-Ministerrates, doch man ließ uns warten. Es war bitterkalt. Wir froren. Als wir endlich eingelassen wurden, ließ sich Bahr aber nichts anmerken. So frostig der Empfang war, so verliefen auch die ersten Gespräche. Die Atmosphäre entspannte sich allmählich. Man machte die Erfahrung, dass die andere Seite sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mühte und Vertrauen die beste Basis ist, um zu einem Resultat zu kommen, und sei es nur ein Kompromiss.

Was sagen Sie dazu, dass es in Berlin-Mitte ein Lokal mit dem Namen Ständige Vertretung gibt?

Ich fand das unangemessen, überzeugte mich dann aber, dass es ein gemütliches Lokal ist, in der es die DDR noch gibt – fotografisch. Und so habe ich mich mit dieser Namensgebung versöhnt.

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