Interview: Karim Saab
Herr Führer, Sie kritisieren heute die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik. War es ein Fehler, der Bundesrepublik beizutreten?
Christian Führer: Nein, der 9. Oktober 1989, der Tag der Entscheidung in Leipzig, hat wichtige Weichen gestellt: zum einen zur friedlichen Maueröffnung am 9. November und dann zur deutschen Einheit. Die Menschen wollten damals so schnell wie möglich den Wohlstand des Westens. Zum ersten Mal gab es die Einheit Deutschlands ohne Krieg und Sieg und ohne Demütigung der Nachbarn. Auch wenn die DDR und die BRD höchst ungleiche Partner waren, sollte es nun möglich sein, die Schwierigkeiten zu überwinden.
Sie geißeln den Kommunismus und die Marktwirtschaft als Spielarten des Materialismus. Wie sehen die politisch-ökonomischen Verhältnisse aus, die Ihrem christlichen Ideal am nächsten kommen?
Führer: Die Visionen vom Reich Gottes können wir Menschen nicht erringen, sondern nur vorbereiten. Keine Gesellschaftsordnung kann und darf heilig gesprochen werden, alle müssen im Sinne von Jesus vermenschlicht werden. Allerdings gibt es große Unterschiede. Von der Wirtschaftsordnung und der Idee her ist der Kommunismus ein säkulares Kind der Kirche. Ihm geht es um Gütergemeinschaft, um das Prinzip ,Gemeinwohl vor Eigennutz' und den Impuls, das Schwache nicht zu zerquetschen. In der Geschichte gab es immer wieder Leute, die das Reich Gottes selber schaffen wollten und am Ende in einer gnadenlosen Weltanschauungsdiktatur gelandet sind. Der globale Kapitalismus hat mit der Kirche dagegen rein gar nichts zu tun, er stachelt die Gier nur an. Das Geld wird zum Gott, Banken und Kaufhäuser zu Tempeln. Wie die Bankenkrise gerade zeigt, ist dieses System nicht zukunftsfähig. Der Götze wackelt. Deshalb habe ich schon 1995 gesagt, zu der erkämpften großartigen Demokratie passt dieser Kapitalismus nicht. Wir brauchen eine ethische Neubesinnung und eine Ökonomie, die sich nicht nur am Profit orientiert, sondern am Menschen. Ich möchte, dass die friedliche Revolution weitergeführt wird.
Freuen Sie sich heute über jede Bank, die verstaatlicht wird?
Führer: Bis jetzt kann man sich nicht freuen. Die Gelder für Hartz IV-Empfänger sind läppisch im Vergleich zu den Summen, mit denen die Abzocker und Hasardeure gestützt werden. Obendrein werden die Banker für ihr Versagen noch mit Millionen-Boni belohnt. Das erzeugt die blanke Wut hier an der Basis. Ich freue mich, wenn diese Krise zu einer neuen Wirtschaftsordnung führt.
Besteht die Gefahr, dass der Mythos Nikolaikirche den Blick auf die DDR verzerrt?
Führer: Ich denke nicht. Die Nikolaikirche ist das geblieben, was sie vor '89 auch war: ein Haus der Hoffnung. Wir engagieren uns gegen Krieg, Arbeitslosigkeit und Rechtsradikale. Die Nikolaikirche ist weiterhin offen für alle, auch für Nichtchristen.
In der DDR waren die Friedensgebete wegen ihrer politischen Inhalte innerkirchlich sehr umstritten. Ihre Gestaltung oblag nicht der Kirchgemeinde, sondern Gruppen, die sich unter dem Dach der Kirche für Bürgerrechte, Abrüstung und Umweltschutz engagierten. Wurden Nichtchristen von den Pastoren nicht auch genötigt, an Gottesdiensten teilzunehmen, wenn sie sich frei äußern wollten?
Führer: Die Kirche war der einzige Freiraum, und wir haben ihn auch zur Verfügung gestellt. Es hat nur zwei Mal ein Friedensgebet gegeben, das keines war, sondern eine scharfe politische Rede, kein Gebet, keine Lesung, keine Auslegung, keine Lieder, gar nichts. Und das durfte nicht wieder vorkommen, denn das war eine Steilvorlage für den Staat. Einige Gruppen zogen dann unter Protest aus der Nikolaikirche aus, weil ihnen der Superintendent die Gestaltung entzogen hatte. Die Gewaltlosigkeit der Revolution haben wir am Ende nicht den Gruppen zu verdanken, die kam aus der Kirche, vom Evangelium her. Ich habe mich im März '89 dann erfolgreich bemüht, die Gruppen zurückzugewinnen.
Sie bewegten sich damals zwischen zwei Polen: Ihr Vorgesetzter war der Superintendent Friedrich Magirius, der nach den Verhandlungen mit dem Staat auch viele unschönen Kompromisse durchsetzte. Andererseits gab es mit Christoph Wonneberger in Leipzig einen noch politischeren Pfarrer, dem Magirius das Leben schwer gemacht hat. Hätten Sie damals nicht auch kämpferischer sein müssen?
Führer: Eine Entkirchlichung der Friedensgebete wäre das Ende gewesen. Dann wäre es auch nicht zu einer friedlichen Revolution gekommen. Auf mich waren 28 Spitzel angesetzt, darunter ein Pfarrerkollege und ein Küster. Christoph Wonneberger pflegte tatsächlich einen anderen Stil und hatte viel Mut. Ich wollte mit ihm nicht konkurrieren. Die wichtigen Entscheidungen habe ich vorher nicht mit Superintendent Magirius abgestimmt, sondern mit meinem mutigen Kirchenvorstand, den die Stasi übrigens nicht unterwandern konnte. Für manche Gruppen war ich nicht steil genug, für das Landeskirchenamt bin ich zu weit vorgeprescht und dem Staat war ich immer ein Dorn im Auge. Bärbel Bohley hat unlängst behauptet, der Widerstand in den Kirchen war kein Widerstand. Das grenzt schon an die Auschwitzlüge! Und von Marianne Birthler habe ich gehört, die Kirche sei gegen Leute wie sie gewesen. Aber sie selbst war doch eine kirchliche Angestellte!